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	<title>franzmann.de &#187; Krimi-Couch</title>
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		<title>“Millionenallee” - Leseprobe</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Feb 2010 21:19:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>edgar</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lesen & Schreiben]]></category>
		<category><![CDATA[Krimi-Couch]]></category>
		<category><![CDATA[Leseprobe]]></category>
		<category><![CDATA[Millionenallee]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Forum der Website “Krimi-Couch.de” tauchte die Frage auf, ob ich nicht eine Leseprobe meines K&#246;ln-Krimis “Millionenallee” auf meiner Website ver&#246;ffentlichen k&#246;nnte. Das mach’ ich doch gerne. Lesen Sie hier also den ersten Tag von insgesamt acht Tagen des Buches.<span class="ellipsis">&#8230;</span> <a href="http://www.franzmann.de/2010-02-27-leseprobe-millionenallee/"><div class="see-more">See more &#8250;</div><!-- end of .see-more --></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><iframe src="http://rcm-de.amazon.de/e/cm?lt1=_blank&#038;bc1=FFFFFF&#038;IS2=1&#038;nou=1&#038;bg1=FFFFFF&#038;fc1=000000&#038;lc1=0000FF&#038;t=franzmann-21&#038;o=3&#038;p=8&#038;l=as1&#038;m=amazon&#038;f=ifr&#038;asins=3897056313" align="right" style="width:120px;height:240px;" scrolling="no" marginwidth="0" marginheight="0" frameborder="0"></iframe>Im Forum der Website “<a href="http://forum.krimi-couch.de/board-2-idThread-4769.html">Krimi-Couch.de</a>” tauchte die Frage auf, ob ich nicht eine Leseprobe meines Köln-Krimis “Millionenallee” auf meiner Website veröffentlichen könnte. Das mach’ ich doch gerne. Lesen Sie hier also den ersten Tag von insgesamt acht Tagen des Buches. Kommentare sind erwünscht. Zugabe möglich.<span id="more-896"></span><br />
<br clear="all"></p>
<p>SAMSTAG</p>
<p>Franck schaute auf seine Uhr, eine platinschimmernde Lange-<br />
Tourbillon: zehn Uhr und dreizehn Minuten. Nur noch knapp<br />
neunundzwanzig Stunden, dann würde er Herr über hundert<br />
Millionen Euro sein.<br />
Die Hohe Straße, die Einkaufsmeile vom Kaufhof Richtung<br />
Dom, war an diesem sonnigen Maisamstag schwarz vor<br />
Menschen, die sich in Zwanzigerreihen an den Schaufenstern<br />
vorbeidrängten. Mit seinen ein Meter achtundachtzig war<br />
Franck kein Riese, aber irgendwie schwebte er doch über der<br />
Menge. Wie viel würde ihm der heutige Tag einbringen? Wie<br />
viele würden ein Parfüm der Marke »vF« kaufen: von Franckenhorst?<br />
»Weißt du«, sagte Franck zu Stefanie, die einen halben Kopf<br />
tiefer neben ihm herstöckelte, dass die blonden Haare hin und<br />
herwippten, »wir haben da so einen verrückten Familienbrauch.<br />
Wenn der älteste Sohn dreißig Jahre alt wird, erhält er<br />
Zugriff auf zehn Prozent des Familienvermögens.«<br />
»Ja, schön, wenn Familien zusammenhalten. Wir treffen uns<br />
auch immer an Weihnachten.«<br />
»Du verstehst das nicht. Ich bin der älteste Sohn. Ich werde<br />
morgen dreißig Jahre alt. Ich bekomme die zehn Prozent.«<br />
»Herzlichen Glückwunsch. Aber was willst du mit zehn<br />
Prozent? Du hast mir doch gesagt, du wärst reich.«<br />
»Ich bin reich. Schon immer.«<br />
»Ist ja gut. Musst dich nicht aufregen.«<br />
»Ich rege mich nicht auf. Ich möchte nur, dass du es begreifst.«<br />
»Was soll ich begreifen?«<br />
»Dass mir ab morgen hundert Millionen gehören.«<br />
»Hundert Millionen von was?«<br />
»Euro.«<br />
»He, das ist eine Menge Geld.«<br />
»Ja, das ist eine Menge Geld. Und eine Menge Macht.«<br />
Stefanie lachte. »Macht doch nix. Ich meine, ich mache mir<br />
nichts aus Macht. Mit ein bisschen Geld bin ich schon zufrieden.<br />
Hast du deine Freunde zum Geburtstag eingeladen? Gibst<br />
du eine Party? Du hast mir gar nichts erzählt.«<br />
»Wer reich ist, braucht keine Freunde«, sagte Franck.<br />
»Wer reich ist, hat keine Freunde«, gab Stefanie zurück.<br />
Sie blieb vor einer Boutique stehen, prüfte ihre schlanke Figur<br />
in einem Spiegel, war zufrieden mit dem, was sie sah, und<br />
zupfte Franck schließlich am Arm. »Schau, das Kleid. Kauf mir<br />
das Kleid! Das kleine Schwarze. Zur Feier des Tages.«<br />
Franck ging wortlos in den Laden, legte einen Fünfhunderteuroschein<br />
auf die Theke, zeigte auf Stefanie und das Kleid im<br />
Schaufenster. »Geben Sie ihr das.«<br />
»Ich geh schon mal vor ins Campi«, sagte er zu Stefanie und<br />
verschwand.<br />
»Ist gut. Ich komm nach. Aber das kann dauern, wenn ich<br />
shoppe. Bekommst du von dem Geld was zurück?«<br />
Franck hörte Stefanies Worte schon gar nicht mehr und verschwand<br />
durch die Glastür nach draußen in den Menschenstrom<br />
der Kölner Fußgängerzone. Eigentlich hatte er sich nie<br />
wirklich für das Geschäft interessiert. Aber ab morgen würden<br />
ihm zehn Prozent des Unternehmens gehören. Da konnte<br />
es nicht schaden, sich ein wenig zu kümmern.</p>
<p>Franck wusste, dass eine ihrer Verkaufsstellen am Roncalliplatz<br />
direkt am Kölner Dom lag. Da kauften vor allem Touristen<br />
ein, Eau de Cologne aus Köln. »4711«, die bekannte<br />
Marke, war nach manchen Irrungen durch die halbe Welt inzwischen<br />
von einem Stolberger Unternehmen übernommen<br />
worden. »Farina gegenüber«, der dreihundert Jahre alte Klassiker,<br />
war geschäftlich keine ernsthafte Konkurrenz. Nur<br />
den Franckenhorsts war es gelungen, ihre Marke als »Premium<br />
« zu etablieren. Alter Adel, alte Klasse eben. Das ließen<br />
sich die Kundinnen gerne etwas mehr kosten. Ihm sollte es<br />
recht sein.<br />
Er ließ das Campi im Funkhaus am Wallrafplatz links liegen<br />
und ging die wenigen Schritte weiter bis zum Roncalliplatz.<br />
Ein heftiger Windstoß wehte ihm ins Gesicht.<br />
Der Franckenhorst-Shop neben dem Dom-Hotel war menschenleer.<br />
Franck wunderte sich. Eine Bedienung, in das Franckenhorst’sche<br />
Blau und Orange gekleidet, schaute in seine<br />
Richtung, sprach ihn aber nicht an. Er musterte die Auslagen.<br />
Kleine Fläschchen mit glänzenden Flüssigkeiten, edel verpackt,<br />
edel gestaltet. Das sah alles sehr gut aus. Und es roch gut. Warum<br />
kaufte das keiner? Und warum wollte ihm keiner etwas<br />
verkaufen?<br />
»Sie haben heute wohl nicht vor, noch zu arbeiten«, giftete<br />
er die Bedienung an und erschrak selbst über seinen Tonfall.<br />
»Mein Herr, es ist nicht üblich im Hause Franckenhorst,<br />
die Kunden als Erste anzusprechen. Unser Auftrag ist es abzuwarten,<br />
ob unsere Dienste gewünscht werden. Kann ich Ihnen<br />
behilflich sein?«<br />
Franck glaubte, im Unterton eine Spur von Missbilligung<br />
zu hören, aber eigentlich konnte er der jungen Frau nichts<br />
vorwerfen. Und das ärgerte ihn fast noch mehr.<br />
»Ich habe nicht endlos Zeit. Ich suche etwas für meine Verlobte.«<br />
»Darf ich Ihnen einen Rat geben?«<br />
»Danach habe ich Sie doch gerade gefragt.«<br />
»Sie sollten sich immer Zeit nehmen, wenn es um Ihre Verlobte<br />
geht.«<br />
Franck war baff. Das hatte er nicht erwartet. Und er ging<br />
wieder in Angriffsstellung. »Was fällt Ihnen ein!«<br />
»Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.<br />
Es war nur gut gemeint. Nehmen Sie ›vF femme‹, das ist in<br />
diesem Jahr ganz groß in Mode und wird Ihrer Verlobten ganz<br />
bestimmt gefallen.«<br />
Die junge Frau holte ein kleines Paket aus dem Regal, das<br />
sehr aufwendig verpackt war.<br />
»Haben Sie nichts Größeres?«, fragte Franck.<br />
»Doch, natürlich. Aber diese Größe hier ist sehr gefragt.<br />
Neunundachtzig Euro.«<br />
»Geben Sie schon her. Wie heißen Sie eigentlich?«<br />
»Christina. Christina Brandt.« Dabei zeigte sie auf das Namensschild<br />
an ihrer Jacke.<br />
»Ja, jetzt sehe ich es. Christina Brandt. Noch eine Frage:<br />
Wieso ist es hier heute so leer? In der Hohe Straße drängen sich<br />
die Massen.«<br />
Christina lächelte ihn an. »Wissen Sie, was wir hier anbieten,<br />
ist auch keine Massenware. Wer hier einkauft, sucht das<br />
Besondere und keinen Ramsch. Ihre Verlobte wird das zu<br />
schätzen wissen.«<br />
Franck fühlte sich plötzlich und wie so oft klein und unsicher.<br />
Diese Frau machte ihn nervös. Warum war er nicht so<br />
schlagfertig wie andere? Warum zog er immer den Kürzeren?<br />
Wieso kam er sich so unbedeutend dieser Angestellten gegenüber<br />
vor, der er sogar etwas von einer Verlobten vorgelogen<br />
hatte? Wenn er doch nur einen guten Abgang hinbekäme. Er<br />
gab ihr seine Kreditkarte.<br />
»Oh, Sie heißen Franckenhorst. Franck von Franckenhorst.«<br />
»Ja«, sagte Franck. Und plötzlich spürte er, wie dieses kleine<br />
Stück Plastik die Lage zu seinen Gunsten veränderte. Christinas<br />
Hand zitterte, als sie die Karte in das Lesegerät steckte.<br />
»Der Name ist nicht so häufig. Sind Sie …«<br />
»Ja. Ich bin einer von den Franckenhorsts.«<br />
»Sie nehmen mir doch nicht übel, was ich vorhin gesagt habe?«<br />
»Was haben Sie denn gesagt?«<br />
»Das mit Ihrer Verlobten, und dass Sie sich Zeit nehmen<br />
sollten.«<br />
»Zeit ist Geld, sagt mein Vater immer.«<br />
»Nein, Zeit ist Liebe«, sagte Christina.<br />
Franck schaute ihr in die Augen. Sie hielt seinem Blick<br />
stand. Sie war genauso schlank und nicht viel größer als Stefanie,<br />
aber mit ihrem kurzen, schwarzen Haar doch ein ganz anderer<br />
Typ. Er nahm das Parfümpaket, drückte es ihr in die<br />
Hand und sagte: »Ist für Sie.«<br />
Und noch ehe sie etwas antworten konnte, verschwand er<br />
Richtung Ausgang. Durch einen Spiegel an der Ladentür sah<br />
er, wie sie ihm nachschaute. Am Ende hatte er sie doch beeindruckt.<br />
Oder sein Name. Oder sein Geld. Sie strich sich ihre<br />
Haare aus dem Gesicht und wirkte nachdenklich.</p>
<p>Auf der Domplatte empfing Franck das übliche Gewirr von<br />
Touristen, Gauklern, Pflastermalern, Geschäftsleuten, Pilgern,<br />
Einkäufern, Demonstranten. An der »Klagemauer« blieb er<br />
stehen. Der Betreiber war ein liebenswerter Querulant, der<br />
sich einfach nicht von diesem schönsten Fleck der Stadt vertreiben<br />
ließ. An Kordeln hatte er Postkarten aufgehängt, auf<br />
denen jeder seine Kritik am Unrecht der Welt verkünden<br />
konnte. Franck nahm sich eine Karte und schrieb in Großbuchstaben:<br />
»AUCH EIN MILLIARDÄR – HAT’S SCHWÄR.«<br />
»Schwär« mit ä und nicht mit e. Das war seine kleine Provokation.<br />
Mit einer Wäscheklammer hängte er sein Miniaturgedicht<br />
zwischen eine Karte, die das Ende der Folter in Guantánamo<br />
forderte, und eine andere, auf der »Hartz IV für alle«<br />
propagiert wurde. Er warf zwei Euro in die Spendenbüchse<br />
und ging weiter auf den Roncalliplatz, um den Skatern zuzusehen.<br />
Er war ziemlich sportlich, ein guter Tennisspieler, Schwimmer,<br />
Läufer. Aber Skateboard fahren konnte er einfach nicht.<br />
Da gab es hier im Schatten der Kathedrale sogar Zwölfjährige,<br />
die die tollsten Kunststücke draufhatten. Man durfte nicht<br />
schreckhaft sein, wenn sie auf einen zurasten, aber Franck hatte<br />
noch nie erlebt, dass einer der Skater wirklich jemanden angefahren<br />
hätte.<br />
Er ging am Dom-Hotel vorbei Richtung Brauhaus Früh<br />
und Heinzelmännchenbrunnen. Wenn er den Weg zur Hohe<br />
Straße durch die Passage nehmen würde, dann müsste er nicht<br />
mehr am Campi vorbei. Er hatte keine Lust auf weitere Gespräche<br />
mit Stefanie. Sie war lieb und nett und einfach zu haben.<br />
Immer gut gelaunt. Immer da. Ein wunderbares Spielzeug.<br />
Wohin sollte er gehen? Fast mechanisch führten ihn seine<br />
Schritte rechts in die Minoritenstraße, über die Nord-Süd-<br />
Fahrt in die Breite Straße, wieder eine Fußgängerzone, aber<br />
nicht ganz so überfüllt.<br />
Die Gastwirte hatten begonnen, ihre Tische und Stühle<br />
nach draußen zu stellen. Sobald sich in Köln die Sonne sehen<br />
ließ, versammelten sich die Menschen auf den Straßen und<br />
Plätzen. Ob das etwas mit der römischen Vergangenheit der<br />
Stadt zu tun hatte? Der Winter war vergleichsweise kalt und<br />
nass gewesen. Die vielbeschworene Klimaveränderung war<br />
überraschenderweise für eine Saison ausgefallen. Franck hatte<br />
den Winter in Südafrika verbracht, der dort ein Sommer war.<br />
Aber auch er freute sich jetzt über den rheinischen Frühling.<br />
Und außerdem: Der Frühling war ja seine Jahreszeit. Er hatte<br />
Geburtstag. Und morgen würde er reich sein. Reicher als jemals<br />
zuvor.<br />
Sein Vater hatte ihm einmal erzählt, wie er seinen dreißigsten<br />
Geburtstag erlebt hatte. Die zehn Prozent waren damals<br />
noch keine hundert Millionen Euro, sondern sechzig Millionen<br />
Mark. Die Franckenhorsts gehörten auch noch nicht zu den<br />
Milliardären im Lande, aber schon zu den sehr Reichen. Vor allem<br />
war es »altes« Geld. Das war etwas anderes als die schnell<br />
verdiente Mark der Krämer und Computerunternehmer.<br />
Opa Fritz hatte zu Ehren von Ferdinand eine komplette<br />
Vorstellung der Kölner Oper am Offenbachplatz gekauft.<br />
Warum ausgerechnet »Carmen« auf dem Spielplan stand, hatte<br />
Ferdinand nie erfahren. Aber die Musik gefiel ihm, und als<br />
der letzte Vorhang gefallen war und die Künstler ihren Beifall<br />
genossen, trat Fritz auf die Bühne, einen blau-orangefarbenen<br />
Umschlag in der Hand, und rief Ferdinand hoch ins Rampenlicht.<br />
Er sei stolz und aufgeregt gewesen. Und als er endlich<br />
oben war und den Umschlag nehmen wollte, da warf Fritz das<br />
Papier der Carmen-Darstellerin zu und forderte Ferdinand<br />
auf, es sich zu holen. Der ganze Saal lachte, als Ferdi sich eher<br />
schüchtern und ungeschickt an Carmen ranmachte, die den<br />
Umschlag in ihrem Dekolleté versteckt hatte, eine Grenze, die<br />
Ferdi auf keinen Fall überschreiten wollte. Das Lachen im<br />
Saal wurde immer lauter. Carmen hatte endlich ein Einsehen,<br />
fingerte das Papier aus ihrem Busen hervor und überreichte es<br />
Ferdinand. »Weißt du, Franck, es war ein schrecklicher Abend.<br />
Ich fühlte mich so gedemütigt. Mein Vater hat sich nie dafür<br />
entschuldigt. Aber ich hatte das Papier. Und ich wusste:<br />
Jetzt, jetzt würde mich niemand mehr demütigen, ohne es zu<br />
bereuen.«<br />
Was würde sich Ferdinand für ihn ausdenken? Musste er<br />
sich auch auf irgendeinen Spaß oder eine Demütigung gefasst<br />
machen? Franck wusste, dass Ferdinand nicht viel von ihm<br />
hielt. Er hatte weder Chemie noch Betriebswirtschaft studiert,<br />
sondern Philosophie und Germanistik. »Brotlose Kunst«, hatte<br />
Ferdinand dazu immer gesagt. Die Franckenhorsts hätten<br />
eine besondere Verantwortung, und ganz besonders die ältesten<br />
Söhne, die müssten schließlich das Familienunternehmen<br />
führen.<br />
Franck hatte nie wirklich Lust verspürt, in die Firma einzusteigen.<br />
Gunther, sein jüngerer Bruder, die Zweitgeborenen bekamen<br />
immer einen Namen mit G, die Drittgeborenen mit H<br />
und so weiter, Gunther wäre wahrscheinlich viel besser geeignet.<br />
Gunther arbeitete als selbstständiger Steuerberater mit<br />
eigener Kanzlei. Aber Franck als der älteste Sohn war nun einmal<br />
der geborene Thronfolger, so lautete die Regel bei den<br />
Franckenhorsts seit sieben Generationen. Und hatte sich die<br />
Tradition nicht bewährt? Sogar den Ansturm der Emanzipation<br />
hatte sie überstanden. Immerhin wurden die weiblichen<br />
Familienmitglieder seit den achtziger Jahren des letzen Jahrhunderts<br />
finanziell genauso gestellt wie die übrigen männlichen<br />
Familienmitglieder. Aber etwas zu sagen hatten weiterhin nur<br />
die erstgeborenen Männer jeder Familiengeneration. Wenn ein<br />
ältester Sohn dreißig wurde, bekam er zehn Prozent der Un-<br />
ternehmensanteile. Wenn er fünfzig wurde, erhielt er fünfzig<br />
Prozent und übernahm die Unternehmensführung. Der bisherige<br />
Chef wurde dann auf zwanzig Prozent abgestuft und wechselte<br />
in den Aufsichtsrat. Die restlichen zwanzig Prozent wur-<br />
den unter allen anderen Familienmitgliedern gleichmäßig aufgeteilt.<br />
Ferdinand, Francks Vater, war jetzt neunundfünfzig,<br />
also seit neun Jahren an der Macht, die er nach den Familienregeln<br />
weitere zwanzig Jahre ausüben könnte, bis Franck fünfzig<br />
Jahre alt würde und an die Reihe käme. Tatsächlich waren<br />
die Franckenhorsts ein sehr gesundes Geschlecht, auch die Männer<br />
erreichten nicht selten die achtzig Jahre. Erst zweimal war<br />
es vorgekommen, dass ein Franckenhorst vor seinem fünfzigsten<br />
Geburtstag die Firmenleitung übernehmen musste, weil<br />
sein Vater vorzeitig gestorben war.</p>
<p>Franck überquerte die Neven-DuMont-Straße, die die Fußgängerzone<br />
der Breite Straße unterbrach. Auf der Ecke stand<br />
das Einkaufs-Carré des Verlegers. Franck kannte den Junior<br />
gut, natürlich. Der hatte ihn mal für seine »Goldenen Jungs«<br />
werben wollen. Franck hatte eine großzügige Spende gegeben,<br />
aber dem Club der Jungreichen war er nicht beigetreten.<br />
Wahrscheinlich hielten ihn Junior und seine Anhänger für eingebildet,<br />
sei’s drum.<br />
Am Blumenstand hinter dem Café Schmitz kaufte er eine<br />
rote Rose und steckte sich die Blüte an das Revers seines hellen<br />
Anzugs. Schließlich hatte er etwas zu feiern. Und er wollte,<br />
dass die Welt es sah. Und warum keine rote Rose? Durfte<br />
man die nur geschenkt bekommen?<br />
Franck ging weiter, sein Schritt war etwas federnder als zuvor.<br />
Zwischen den Augenwinkeln nahm er undeutlich wahr,<br />
dass die Menschenmenge einen Bogen um eine Stelle vor den<br />
Karstadt-Schaufenstern machte. Da schien jemand auf dem<br />
Boden zu sitzen, zwei Männer, wahrscheinlich Bettler, die Flasche<br />
kreiste. Franck marschierte gedankenverloren auf das Pärchen<br />
zu, hielt unbewusst einen Sicherheitsabstand von vielleicht<br />
fünfzig Zentimetern zu dem Hut, in den die Passanten<br />
ihre Geldstücke werfen sollten. Der Hut schien leer zu sein.<br />
Franck hatte nicht die Absicht, an diesem Zustand etwas zu<br />
ändern.<br />
Plötzlich peitschte ein Schmerz durch seine linke Wade, irgendetwas<br />
hatte ihn mit voller Wucht getroffen, Franck knick-<br />
te ein, fiel auf den Boden, knallte mit dem Gesicht in eine Pfütze<br />
aus Schmutz und Alkohol. Noch ehe er begriff, was geschah,<br />
schrie einer der Bettler wie am Spieß: »Hilfe, Polizei.<br />
Der hat mich getreten. Was fällt Ihnen ein, mich zu treten!<br />
Mich, einen Krüppel! So sind sie, die feinen Leute.«<br />
Franck spürte, wie ihn kräftige Arme schüttelten und<br />
schließlich umdrehten. Und dann sah er in ein unrasiertes Gesicht,<br />
und aus diesem Gesicht schrie es wieder: »Ja, genau. Sie<br />
meine ich. Sie denken wohl, Sie könnten sich alles erlauben.<br />
Nur weil Sie einen Anzug tragen. Ich zeige Sie an. Hilfe! Polizei!<br />
Ruf doch mal einer die Polizei!«<br />
Die letzten Worte richtete der Bettler an die umstehenden<br />
Gaffer, die sich im Kreis um Franck und die beiden Penner<br />
drängten. Franck spürte, wie ihm Blut in die Mundwinkel lief.<br />
Instinktiv wischte er sich mit dem Ärmel seines Jacketts durchs<br />
Gesicht, was dessen helles Beige mit roten und anderen undefinierbaren<br />
Farbtönen mischte.<br />
»Hilfe, Polizei!«, brüllte der Bettler schon wieder. Franck<br />
sah, dass er nur ein Bein hatte.<br />
»Schreien Sie doch nicht so«, sagte er.<br />
»Ich schreie hier, so laut ich kann. Das könnte Ihnen so<br />
passen. Erst einen armen Krüppel treten, einen einbeinigen<br />
Krüppel, und dann auch noch mundtot machen wollen. Holt<br />
denn jetzt endlich einer die Polizei?«<br />
Natürlich holte keiner die Polizei. Einige Gaffer drehten<br />
ab, nachdem sie sich überzeugt hatten, dass Franck überlebt<br />
hatte und auch kein weiteres Blut fließen würde. Andere warteten<br />
gespannt, wie sich die Geschichte weiterentwickeln würde,<br />
wenn sie nur nicht selbst hineingezogen würden.<br />
Franck fand langsam seine Fassung wieder. »Lassen Sie mich<br />
doch endlich los! Lass mich los!«<br />
Der Bettler lockerte seinen Griff. »Das ist aber wirklich<br />
nicht in Ordnung, dass Sie mich hier einfach umlaufen.«<br />
»Das habe ich nicht. Das habe ich nicht … gewollt«, stammelte<br />
Franck. »Ich hatte eher den Eindruck, dass Sie mir ein<br />
Bein gestellt haben.«<br />
»Ich soll dir ein Bein gestellt haben?«, sagte der Bettler empört<br />
und wurde wieder laut. »Das muss man sich mal vorstellen.<br />
So eine Unverschämtheit.« Und jetzt schrie er wieder:<br />
»Ich soll dich getreten haben? Ich, ein Krüppel mit einem Bein.<br />
Erzähl das mal der Polizei.«<br />
Plötzlich mischte sich auch der Kumpel des Bettlers ein. Der<br />
war deutlich alkoholisiert und nuschelte: »Dä Schäng, dä tritt<br />
nich. Nie. Jeht doch jar nit. Armes Schwein.«<br />
»Tja, dann«, sagte Franck, »entschuldige ich mich bei Ihnen.<br />
Ich war in Gedanken. Da habe ich Sie vielleicht nicht gesehen.«<br />
Der Einbeinige lockerte seinen Griff. »Entschuldigung ist<br />
schon mal gut. Geht vielleicht auch ohne Polizei.«<br />
»Was geht vielleicht auch ohne Polizei?«<br />
»Na, das hier. Oder wollen Sie Unfallflucht begehen?«<br />
»Unfallflucht?«<br />
»Sie können hier nicht einfach weg. Ich brauche Name,<br />
Adresse.«<br />
»Name, Adresse?«<br />
»Ja, sicher. Für den Schadenersatz.«<br />
»Welchen Schadenersatz?«<br />
»Na, meine Verletzungen. Hier!« Der Bettler zeigte auf seinen<br />
Knöchel, der Fuß steckte ohne Strümpfe in zerschlissenen<br />
Schuhen. »Die blauen Flecken bringen mindestens, mindestens<br />
«, er schaute sich Franck noch einmal genauer an, »mindestens<br />
dreißig, nein, fünfzig Euro. Und dann noch die Verletzung<br />
der Menschenwürde.«<br />
»Verletzung der Menschenwürde«, wiederholte Franck verblüfft.<br />
»Ja. Verletzung der Menschenwürde. Macht noch mal fünfzig<br />
Euro.«<br />
»Sie verkaufen Ihre Menschenwürde zu billig«, sagte Franck.<br />
»Aber Sie sollen die hundert Euro bekommen. Geben Sie mir<br />
Name und Kontonummer, dann überweise ich Ihnen das<br />
Geld.«<br />
Der einbeinige Bettler schaute in die Menge. »Name und<br />
Kontonummer, meine Damen und Herren. Haben Sie das gehört:<br />
Name und Kontonummer. Wo soll ich denn so was hernehmen?<br />
Name und Kontonummer! Nix da, Bargeld lacht.«<br />
Die Menge feixte und applaudierte. Franck gelang es endlich<br />
aufzustehen. Sein Spiegelbild, das ihn aus dem Karstadt-<br />
Schaufenster anblickte, wirkte nicht sehr vertrauenswürdig.<br />
Er holte sein Portemonnaie heraus. »Ich habe nur zwanzig Euro<br />
in bar und ein paar Münzen.«<br />
»Scheckkarte dabei?«<br />
»Sie meinen, Sie nehmen auch Scheckkarten?«<br />
»Nein. Das wäre ja noch schöner. Da vorne ist ein Geldautomat.<br />
Karte rein. Hundert Euro raus und an mich weiterleiten.<br />
Ich stelle Ihnen auch gerne eine Quittung aus. Damit alles<br />
seine Ordnung hat.«<br />
Die Menge teilte sich wie das Wasser des Roten Meeres vor<br />
Moses, damit Franck ungehindert an den Geldautomaten gelangen<br />
konnte. Der Einbeinige stützte sich auf seine Krücken<br />
und eskortierte ihn. Franck ließ sich dreihundert Euro auszahlen,<br />
die der Automat in Fünfzig-Euro-Noten ausspuckte.<br />
»Hier, für Sie«, sagte Franck und gab dem Einbeinigen einen<br />
Schein.<br />
»Das sind fünfzig Euro.«<br />
»Ja.«<br />
»Ich bekomme hundert Euro.«<br />
»Wegen der Menschenwürde.«<br />
»Ja. Wegen der Menschenwürde.«<br />
»Wie heißen Sie?«<br />
»Schäng. Haben Sie doch gehört.«<br />
»Schäng?«<br />
»Alle nennen mich Schäng. Krüppels Schäng.«<br />
»Und wie heißen Sie richtig?«<br />
»Jean. Jean Leclerc.«<br />
»Schön, Jean. Hier haben Sie den Rest vom Kleingeld.«<br />
Franck hielt ihm die anderen fünf Scheine entgegen. Jeans<br />
Hand zuckte zurück, dann packte er doch zu, steckte die fünf<br />
Scheine in seine Hemdtasche und schaute sich vorsichtig um,<br />
ob auch niemand gesehen hatte, was und wie viel er bekommen<br />
hatte.<br />
»Quittung?«, fragte Jean. Franck schüttelte den Kopf.<br />
»Ist klar, Chef. Nichts für ungut«, sagte er schließlich und<br />
hinkte zurück zu seinem Kumpel. »Karl, sag dem Mann danke.<br />
Der hat uns gerade ein sehr gutes Essen spendiert«, hörte<br />
Franck Jean noch sagen. Dann zogen die beiden ab. Den Hut,<br />
der vor ihnen gelegen hatte, angelte Jean mit Hilfe einer seiner<br />
Krücken, wirbelte ihn so geschickt durch die Luft, dass er auf<br />
seinem Kopf landete, ein Kunststück, das Franck zu spontanem<br />
Applaus veranlasste. Jean fing dabei sogar noch eine<br />
Münze auf, die er an Karl weitergab, dann zockelten die beiden<br />
ab. Hoffentlich trinken die sich jetzt nicht zu Tode, dachte<br />
Franck.<br />
Aus der Menge, die sich langsam auflöste, stieg noch eine<br />
Männerstimme auf. »Nichtsnutziges Pack. Sollen mal richtig<br />
arbeiten lernen.«<br />
Franck ging auf den Rufer zu, einen alten Mann mit kleinem<br />
Hut: »Ich glaube, Sie sehen da was falsch. Die beiden haben<br />
gerade sehr hart gearbeitet und sehr ordentlich verdient.«<br />
Sein Gegenüber musterte Franck von Kopf bis Fuß, schien<br />
nicht erfreut über das, was er sah, und verstanden hatte er auch<br />
nichts. Aber er legte noch einmal los. »Und Sie, schauen Sie<br />
sich an, sehen ja selber aus wie ein Penner. Stecken wahrscheinlich<br />
mit denen unter einer Decke.«<br />
Dass er sich umziehen musste, so verdreckt, wie er inzwischen<br />
aussah, war nicht von der Hand weisen. Aber das ließ er<br />
sich doch nicht von so jemandem sagen. Und als ihm nicht sofort<br />
eine schlagfertige Antwort einfiel, nahm er dem Mann<br />
den Hut vom Kopf, warf ihn vor dessen Füße, schnippte ein<br />
Geldstück achtlos hinterher und traf genau in die Kopfbedeckung.<br />
Dann ging er ab, ohne sich umzudrehen, und fühlte sich<br />
richtig gut.</p>
<p>Was für ein seltsamer Frühlingsmorgen, dachte Franck, als<br />
er die Mittelstraße erreichte, wo er sich neu einkleiden wollte.<br />
Der Einkaufsbummel mit Stefanie, das Wortgefecht über Zeit<br />
und Liebe mit der Verkäuferin Christina Brandt, der Zusammenstoß<br />
mit dem einbeinigen Bettler Krüppels Schäng, und<br />
jetzt dieser Giftzwerg mit Hut. Dem, wenigstens dem hatte er<br />
es gegeben.<br />
Giftzwerg mit Hut. Das gefiel ihm. Schade, dass ihm dieser<br />
Begriff so spät eingefallen war, das wäre ein guter verbaler<br />
Konter gewesen. Aber die Aktion mit dem fliegenden Hut und<br />
der Spende war auch nicht schlecht. Müssen Hüte eigentlich so<br />
hässlich sein? Er kannte überhaupt nur einen Menschen, der<br />
regelmäßig Hut trug, Benno, den Maler. Dessen Hüte waren<br />
sehr schick. Im Sommer schmückte er sich mit einem Strohhut.<br />
Und was trug er im Winter? Franck nahm sich vor, Benno bei<br />
Gelegenheit auszufragen.<br />
Beim Herrenausstatter wunderte man sich nicht schlecht<br />
über Francks Aufzug. »Sind Sie überfallen worden? Sollen wir<br />
die Polizei rufen? Es wird ja leider immer schlimmer mit der<br />
Kriminalität«, ereiferte sich der Geschäftsführer.<br />
»Nein, nein. Nichts passiert. Ich bin ausgerutscht. Ich brauche<br />
nur etwas zum Anziehen. Sie haben doch meine Maße.<br />
Wäsche, Hemd, Hose, Jackett. Das ist alles.«<br />
»Herr von Franckenhorst, Sie tragen maßgeschneidert, da<br />
können wir doch nicht von der Stange.«<br />
»Sie meinen, dass ich nackt …« Franck hatte begonnen, sich<br />
mitten im Laden auszukleiden.<br />
»Natürlich nicht. Aber wenn Sie dann bitte mit nach hinten<br />
kommen wollen.«<br />
Es dauerte keine zwanzig Minuten, dann war Franck von<br />
Kopf bis Fuß neu eingekleidet und der Geschäftsführer einem<br />
Nervenzusammenbruch nahe. Jeden Stil-Ratschlag hatte<br />
Franck brüsk abgelehnt und genau das Gegenteil genommen.<br />
Zur schwarzen Hose braune Schuhe und weiße Socken. Obenrum<br />
ein Pepita-Jackett und ein hellblaues Hemd. Statt einer<br />
Krawatte ein rosa Seidentuch. Und als er zum Schluss noch<br />
nach einem Hut fragte, war der Geschäftsführer sichtlich froh,<br />
sagen zu können: »Hüte führen wir nicht.«<br />
Franck drehte sich vor dem Spiegel und gefiel sich. So wür-<br />
de er morgen zu seiner Inthronisierung erscheinen. Er stellte<br />
sich das entsetzte Gesicht seines Vaters vor und spürte Genugtuung.<br />
Sein Vater würde mit Sicherheit noch entsetzter reagieren<br />
als der Herrenausstatter, der noch einmal nachfragte: »Und<br />
Ihnen fehlt ganz bestimmt nichts? Soll ich nicht vielleicht doch<br />
die Polizei rufen? Oder den Krankenwagen?«<br />
»Nein, nein. Alles in bester Ordnung. Es wäre nur schön,<br />
wenn Sie meine alten Sachen reinigen und mir nach Hause<br />
schicken würden.«</p>
<p>Franck schaute auf die Uhr. Es war Viertel nach sieben Uhr<br />
abends. Noch knapp zwanzig Stunden, dann würde er Herr<br />
über hundert Millionen Euro sein.<br />
Er saß mit Stefanie am kleinen Tisch im Esszimmer seines<br />
Penthouse am Brüsseler Platz. Stefanie trug das kleine Schwarze,<br />
das sie sich am Morgen ausgesucht hatte. Franck trug seine<br />
Lange-Tourbillon und sonst nichts.<br />
Stefanie hatte ihn ausgelacht, als er mit seiner bunten Herrenausstatter-<br />
Sammlung zu Hause erschienen war. Dann zerrte<br />
sie ihn vor den Spiegel, und da packte auch ihn der Lachkrampf.<br />
Aus dem Radio erklang »Sex Bomb« von Tom Jones,<br />
Franck nahm den Rhythmus auf und begann den ersten Striptease<br />
seines Lebens. Erst entledigte er sich des rosa Seidentuchs,<br />
sah das offene Fenster und ließ es in die Frühlingsluft<br />
hinausflattern. Die verirrten Papageien in den Bäumen rund<br />
um St. Michael kommentierten das Spektakel mit lautem Gejohle.<br />
Das Pepita-Jackett landete auf einer Bank, das blaue<br />
Hemd verfing sich in einem Ast, die schwarze Hose und die<br />
braunen Schuhe landeten in einem Papierkorb, die weißen Socken<br />
fing ein kleiner Junge auf, der seine Kameraden zusammentrommelte.<br />
Die kleine Schar war enttäuscht, als zunächst<br />
nur noch eine Unterhose vom Dach herabflatterte. Jedenfalls<br />
sammelten sie alle Kleidungsstücke ein, nur das blaue Hemd<br />
flatterte weiter im Abendwind.<br />
»Und jetzt du«, sagte Franck zu Stefanie.<br />
»Was meinst du?«, fragte sie.<br />
»Jetzt wirfst du deine Kleider raus. Die Menge wartet.«<br />
Stefanie lachte, als sie die Jungs unten stehen sah. »Ja, ich<br />
mach’s. Aber das kleine Schwarze behalte ich.«<br />
Stefanie zog das kleine Schwarze aus und legte es vorsichtig<br />
auf einen Stuhl. Dann trat sie an die Brüstung, winkte, streifte<br />
ihren BH ab und warf ihn auf den Platz, wo die Jungs ganz still<br />
geworden waren und die Köpfe nach oben reckten. Stefanie<br />
ließ den Slip hinabflattern und die Seidenstrümpfe. Und sogar<br />
die Stöckelschuhe warf sie runter. Als sie völlig nackt war, drehte<br />
sie sich dreimal langsam um sich selbst und verschwand lachend<br />
im Zimmer.<br />
Franck sah ihr erregt zu. Stefanie war eine schöne Frau.<br />
Leider liebte er sie nicht. Wusste er überhaupt, was Liebe war?<br />
Zeit ist Liebe, hatte diese Verkäuferin zu ihm gesagt. Christina<br />
Brandt. Warum dachte er jetzt an sie, wo Stefanie sich gerade<br />
für ihn ausgezogen hatte? Stefanie zog sich das kleine Schwarze<br />
über und setzte sich zu Franck an den Tisch.<br />
»Und jetzt?«, fragte sie und sah ihn mit großen Augen an.<br />
Ihr Kleid war tief ausgeschnitten, und dieser Anblick erotisierte<br />
Franck mehr als ihre Show auf der Terrasse.<br />
»Lass uns die Armut feiern, solange es sie noch gibt.«<br />
Franck nahm sein Champagnerglas und prostete Stefanie<br />
zu.<br />
Sie hatte wohl etwas anderes erwartet, aber auch sie nahm<br />
ihr Glas und trank einen Schluck. »Was hast du dir nur mit<br />
deinem bunten Outfit gedacht? Männer sollten nie ohne Frauen<br />
einkaufen gehen.«<br />
»Ich wollte meinen Vater ärgern.«<br />
»Und dafür machst du dich zum Clown? So wird das<br />
nichts.«<br />
Stefanie stand auf und beäugte Franck. »Du bist größer als<br />
dein Vater. Du siehst besser aus. Wo ist das Problem?«<br />
»Mein Vater ist reicher als ich, skrupelloser, geschäftstüchtiger.<br />
Er hält nichts von mir.«<br />
»Warum sollte er auch. Du bist kein Gegner für ihn. Du<br />
bist sein Sohn.«<br />
»Was soll das jetzt heißen?«<br />
»Väter wollen immer, dass ihre Söhne alles das leisten, was<br />
sie selbst nicht geschafft haben. Sei groß, sei schön, sei elegant.<br />
Und dann, dann greifst du an.«<br />
»Warum sollte ich angreifen? Wo soll ich angreifen?«<br />
»Warum? Was weiß ich. Ich sehe nur, dass er dich nervt und<br />
verrückt macht. Wenn du das Spiel mitspielen willst, dann spiel<br />
es. Sonst nimm deine Millionen, die die du jetzt schon hast,<br />
und entführ mich auf eine einsame Insel.«<br />
»Du meinst, ich wäre reif für die Insel?«<br />
»Du benimmst dich wenigstens so.«<br />
Sie lachte und zupfte ihn vorsichtig an den Haaren. Franck<br />
wehrte sie ab.<br />
»Stefanie?«<br />
»Ja.«<br />
»Ich liebe dich nicht.«<br />
»Ich weiß.«<br />
»Und es macht dir nichts aus?«<br />
»Doch. Aber nicht wirklich.«<br />
»Wie meinst du das?«<br />
»Du kannst nichts dafür. Du weißt gar nicht, was das ist,<br />
Liebe. Du weißt ja nicht mal, was Freundschaft ist.«<br />
»Ich brauche keine Freunde.«<br />
»Jeder braucht Freunde. Du hast keine Freunde. Bekannte,<br />
ja. Viele. Manche, die auf dein Geld aus sind. Manche, die es toll<br />
finden, die Telefonnummer von Franck von Franckenhorst zu<br />
kennen. Schmeichler. Schmarotzer. Alles, was man kaufen kann<br />
oder am besten nicht kaufen sollte. Du hast keine Freunde,<br />
aber du hast mich.«<br />
»Zu welcher Kategorie zählst du dich denn?«<br />
»Zu den Menschen. Einfach zu den Menschen.«<br />
»Und du willst gar nichts von mir?«<br />
»Doch, natürlich will ich was. Ich will, dass du mich begehrst.<br />
Ich will dein Geld. Das ist praktisch für mich, und dir<br />
tut es nicht weh. In Gelddingen bist du sogar großzügig. Das<br />
Leben mit dir ist immer für Überraschungen gut. Ich liebe<br />
Überraschungen. Und ich sehe immerhin, dass du auf der Suche<br />
bist. Nach Menschen. Vielleicht sogar nach dem Menschen<br />
in dir.«<br />
»Ich begehre dich.«<br />
»Das will ich schwer hoffen.«<br />
»Ich will mit dir schlafen.«<br />
Stefanie lachte und zog ihn ins Schlafzimmer.</p>
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