Es war der 7. Juli 1990. Der Samstag vor dem Sonntag, an dem wir Fußball-Weltmeister wurden. Mit meinem Sohn Simon war ich der deutschen Nationalmannschaft vier Wochen lang hinterhergereist – von ihren ersten Spielen in Mailand bis nach Rom zum Finale.
Seit Donnerstag hatten wir vor dem Stadio Olimpico um Tickets gefeilscht, der Schwarzmarkt war in der Hand osteuropäischer Händler mit kiloschweren Funk-Telefonen, mit denen sie die Preise vom Hauptbahnhof und vom Flughafen abfragten und kontrollierten.
Ich hatte meinem Sohn versprochen, der deutschen Mannschaft so lange zu folgen, wie sie im Turnier bliebe. Am Samstagnachmittag kaufte ich zwei Endspieltickets. Ich weiß nicht mehr, was sie gekostet haben, ich weiß nur, dass es ingesamt einer der teuersten Urlaube war, die ich jemals gemacht habe. Und ich weiß noch, dass eines unserer beiden Tickets auf Platz 13 in Reihe 13 lautete.
Samstagabend. Eine feierliche Spannung lag über Rom. An den Ufern des Tibers fand ein Volksfest statt. Ein Gewimmel von hunderttausenden Menschen zwischen tausenden Ständen. Doch alles, was man hörte, war ein geradezu himmlischer Gesang. In den Caracalla-Thermen traten die drei Tenöre José Carreras, Plácido Domingo und Luciano Pavarotti erstmals gemeinsam auf. Und dieses Ereignis wurde in die ganze Stadt übertragen und übertönte jeden Lärm.
Pavarotti hatte uns schon während des Turniers begleitet. Seine Arie „Nessun dorma“ aus Puccinis „Turandot“ war der Klassik-Hit der Weltmeisterschaft, der neben Gianna Nanninis „Un Estate Italiana“ – man fühlt sich an ein „deutsches Sommermärchen“ 2006 erinnert – in den Stadien gespielt wurde. Das triumphierende „Vinceró“ setzte sich zwischen den Ohren fest und wurde mein Sommer-Hit 1990. Ich kaufte mir die CD dieses Konzertes und ich hörte sie so oft und so lang, bis ich die Arien mitsingen konnte.
Es war wieder ein heißer Sommertag, das Datum weiß ich nicht mehr*, als ich die Gelegenheit bekam, Pavarotti live zu erleben. Das Konzert fand auf dem Roncalliplatz im Schatten des Kölner Doms statt, ich hatte eine Karte für die VIP-Empore auf dem Balkon des Dom-Hotels mit anschließendem Essen mit Pavarotti im Maritim für den Benefiz-Vorzugspreis von 1000 Mark, die mein Verleger bezahlte.
Zur Feier des Tages hatte ich mir einen Smoking mit allem Zubehör gekauft, Hemd, Fliege, Manschettenknöpfe, sogar Lackschuhe dazu, eigentlich fühlte ich mich unwohl, doch dann begegnete ich einer Kollegin, die mich nur mit Jeans und Rollkragenpulli kannte und die vor Anerkennung über mein festliches Erscheinungsbild fast hinter mir hergepfiffen hätte.
Auf der VIP-Empore traf ich den Musik-Redakteur des „Spiegel“. Pavarotti hatte noch keinen Ton gesungen, da las er mir vor, was er soeben über das Konzert nach Hamburg durchgegeben hatte: Das Begleitorchester Pavarottis habe „gespielt wie die freiwillige Feuerwehrkapelle Castrop-Rauxel“. Das wusste der „Spiegel“-Mann schon vor Konzertbeginn, und er war mächtig stolz auf sich und die Feuerwehr.
Endlich rollte Pavarotti auf die Bühne. Ein Koloss von einem Mann. Das weiße Schweißtuch genauso überdimensioniert wie der Künstler selbst.
Als ich den ersten Ton hörte, „Una furtiva lagrima“ aus dem „Liebestrank“ von Donizetti, geschah etwas, was eigentlich nur in einer verbrauchten Redensart vorkommt: Mir lief im Sinne des Wortes ein Schauer über den Rücken. Und dieser wohlige Schauer dauerte, solange Pavarottis Tenor erklang.
Das anschließende Gala-Diner im Maritim hatte eine profanere Note. Pavarotti trohnte wie Jesus mit seinen Jüngern hinter einer Absperrung über der feinen Kölner Gesellschaft, die sich für ihre 1000 Mark an einem kaltgewordenen warmen Büfett anstellen und keilen musste.
Mich hatte die Sitzordnung an einen Tisch mit Willy Millowitsch platziert. Der große Volksschauspieler war gebrechlich und konnte sich mit seinen Krücken keinesfalls ans Büfett schleppen. Als alles aufstand, blieb ich bei ihm sitzen – mit der Folge, dass wir beide als einzige wie der Maestro am Tisch bedient wurden.
Die Kritiken in den Kölner Zeitungen über das Essen danach waren schlechter als über das Konzert davor. Ich hatte keinen Grund zu klagen und ergänzte meine CD-Samlung um „Tutto Pavarotti“, „Luciano Pavarotti Live“ und „Pavarotti & Friends“.
Es war am 6. September 2007, einem Donnerstag, als ich gegen 7.25 Uhr aufwachte und im Frühstücksfernsehen die Nachricht hörte: Luciano Pavarotti ist tot. Den ganzen Tag über habe ich an meine Erlebnisse mit ihm gedacht und seine Arien vor mich hingesummt.
Jetzt ist es gleich Mitternacht an diesem 6. September 2007. Im CD-Spieler liegt die Aufnahme vom Konzert in den Caracalla-Thermen zur Fußball-WM 1990. Es läuft der letzte Titel, Nr. 17, die Zugabe, noch einmal „Nessun dorma“. Der letzte Ton. Der letzte Applaus. Finale.
* Eine Recherche im Archiv des Kölner Stadt-Anzeigers erbrachte, dass dieses Kölner Konzert am 29. Juli 1990 stattfand, also nur drei Wochen nach dem WM-Finale.