Kathmandu, Stadt des Glücks

Rolf am Lagerfeuer
Rolf am Lagerfeuer
Kathmandu, Stadt des Glücks

“Was ist für dich Glück?”, fragte Rolf die Kanadierin Michelle, die mit uns am Lagerfeuer im Kathmandu Guest House saß.

Sie antwortete: “Ich bin den letzten Tag in Nepal. Es ist der Mittelpunkt meiner zweimonatigen Weltreise. Ich habe viel zu viele warme Klamotten im Koffer. Bei uns in Quebec ist Winter, hier dagegen fast schon Sommer. Und ich will noch weiter gen Süden. Deshalb bin ich heute durch Kathmandu gegangen und habe meine Sachen verschenkt.

Eine arme Frau bekam meine gute Daunenjacke. Sie weinte vor Glück, ich auch, als ich sie weinen sah.

Michelle aus Quebec (l.)
Michelle aus Quebec (l.)
Dann sah ich einen alten Mann mit löchrigen Schuhen. Ich bat ihn, seinen Fuß neben den meinen zu stellen. Die Größe stimmte. Ich habe ihm meine kniehohen Stiefel geschenkt. Er zog sie an und war glücklich. Ich war glücklich über sein Glück.

Das also ist meine Antwort: etwas geschenkt zu bekommen ist Glück, aber auch etwas zu verschenken ist Glück.”

Sollten Sie demnächst einen alten Mann mit Damenstiefeln sehen, nicht wundern, sondern einfach glücklich sein.

(Edgar Franzmann, Januar 2015, geschrieben für meine Lesung am 23. Januar 2015 im Goethe-Zentrum Kathmandu. Das Bild entstand im Garten des Kathmandu Guest House.)

Kathmandu, Stadt der Wunder

Kathmandu, Stadt der Wunder

Die Straßen sind immer genau so breit wie gerade nötig.

Du denkst, es ist nur Platz für dein Taxi, doch dann: Gegenverkehr.
Ein Auto, zwei Rikschas, drei Motorradfahrer, vier Fußgänger.
Alle gleichzeitig und durcheinander.
Und da muss dein Taxi durch.
Der Taxifahrer gibt Gas.
Die Straße weitet sich, alle finden ihren Platz, und fehlt noch ein Zentimeter, dann wird der herbeigehupt.
Den Rest erledigen die Götter.

Hinter dir schließt sich die Straße wieder auf eine Spur.
Bis zum nächsten Gegenverkehr.

(Edgar Franzmann, Januar 2015, diesen Text habe ich für meine Lesung im Goethe-Zentrum Kathmandu am 23. Januar 2015 geschrieben.)