Angela und Sigmar oder Häsin und Igel

Die Welt dreht sich manchmal so schnell, dass ich nicht mehr mitkomme. Deshalb habe ich gewartet, bis ich diesen Kommentar zur Regierungskunst von Angela Merkel am Beispiel der Flüchtlingspolitik geschrieben habe. Hätte ja sein können, dass schon wieder eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird. Stattdessen läuft weiter die Geschichte von der Häsin und dem Igel.

Das bekannte Volksmärchen erzählt vom schnellen Hasen und dem pfiffigen Igel, der immer schneller als der Hase zu sein scheint: „Ich bün al dor!“ ruft der Igel im Ziel, der manchmal aber nur des Igels Frau ist. Die Moral des Märchens: „Wer also en Swinegel is, de mutt tosehn, dat siene Fro ook en Swinegel is“. 73mal will der Hase das Wettrennen wiederholen, beim 74. Mal bricht er erschöpft zusammen und stirbt.

Bei Merkel und Gabriel läuft das anders. Gabriel möchte gerne den Igel spielen, aber Häsin Merkel läuft nicht, sondern sie wartet ab. Die tut nix, die will nur regieren, sagen Spötter. Auch in der Flüchtlingskrise warf man ihr Nichtstun vor.

Igel Gabriel hatte in der Zwischenzeit einen Zusammenprall mit Filmschauspieler Til Schweiger. Der hat, was den meisten Politikern fehlt, ein Gefühl für die tatsächliche Stimmungslage im Volk. Til begann, gegen die pöbelnden Neonazis auszuteilen, und es stellte sich heraus, dass die große Mehrheit der Deutschen tatsächlich für einen menschenwürdigen Umgang mit Flüchtlingen ist.

Das begriff auch Gabriel, endlich hatte er ein Thema, das mehrheitsfähig war und das dazu noch zu den Grundwerten der Sozialdemokratie passte. Also fuhr er als erstes Regierungsmitglied nach Heidenau, nannte die rechten Randalierer Pack und prägte sogar noch den wunderbaren Satz, dass es nicht nur um den Aufstand der Anständigen gehe, sondern auch um den Anstand der Zuständigen.

Volle 24 Stunden lang stand die SPD mit ihrem Vorsitzenden ganz weit vorne.

Und die Kanzlerin, wann würde sie denn mal ein Flüchtlingsheim besuchen? Während ihr Regierungssprecher noch abwiegelt, das werde sicher demnächst auch mal geschehen, ist Häsin Angela tatsächlich schon auf dem Weg – nach, genau, Heidenau. Da kennt man ja nach Gabriels Besuch schon den Weg.

Ein paar Tage später schon folgt Merkels zweiter Besuch in einem Flüchtlingsheim, diesmal in Berlin, diesmal werden sogar Selfies gemacht, die Merkels Lob in der ganzen Welt verbreiten.

Und dann, an jenem berühten Wochenende, tut Angela einfach das Richtige: Sie lässt tausende Flüchtlinge aus Ungarn einreisen. Das ist nicht viel mehr als drei Wochen her.

Die Kanzlerin zögert und zögert, und dann tut sie plötzlich das Richtige. Das kennen wir schon. Das war nach Fukushima so, als sie mehr oder weniger über Nacht den Ausstieg aus der Kernenergie anordnete und jahrzehntelange Atom-Ideologie über Bord warf.

Die Wende in der Flüchtlingspolitik ist genauso überraschend und radikal. Man darf davon ausgehen, dass die Kanzlerin meint, was sie sagt. Dafür sprechen auch ihre Äußerungen wie „das Asylrecht kennt keine Obergrenze“.

Man darf aber auch sicher sein, dass sonst kaum jemand in der Union den Kurs der Kanzlerin stützt. Die Kritik aus Bayern kam prompt und unverschämt. Aber auch Merkels Innenminister de Maizière hat erkennbar alles getan, Merkels Asylpolitik zu bremsen, neue Hürden aufzubauen, und nichts dafür getan, den Ansturm in geordnete Bahnen zu lenken. Alles, was da inzwischen geschah, musste gegen de Maizière und seine Unionsbremser durchgesetzt werden.

Und die SPD?

Sie steht mehr oder weniger brav am Rande und erlebt mit, wie Häsin Angela mit Willkommenskultur punktet und ihre Unions-Männer bei den Rechten fischen, anstatt sich weiterhin mutig und mit Klartext aufzustellen und ein neues Einwanderungsgesetz nicht nur fordern, sondern auch durchzusetzen. Das ist nur ein Beispiel.

Es ist ja nicht so, dass Europas Flüchtlingspolitik nicht weiterhin zu kritisieren wäre. Wir haben Gesetze mit verantwortet, die Asylsuchenden keinen direkten Weg nach Europa ermöglichen. Wir haben die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen. Wir haben die Kriege im Irak, in Afghanistan und in Syrien nicht verhindert.

Die Atomwende hat Häsin Merkel elegant – und mit Hilfe der Sozialdemokraten – hinbekommen. In der Flüchtlingspolitik könnte ihr die eigene Union abhanden kommen. Ein Rücktritt der Kanzlerin oder eine Nicht-mehr-Kandidatur 2017 scheint nicht mehr ausgeschlossen.

Und die SPD?

Mein Tipp: Noch mal mit Til Schweiger einen Trinken gehen.
(Aber bitte ohne die Bild-Zeitung)

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