In memoriam Alfred Neven DuMont

Verleger Alfred Neven DuMont ist am Samstag im Alter von 88 Jahren gestorben. Ich habe den größten Teil meines beruflichen Lebens in seinem Familienunternehmen verbracht, und anschließend, als Chefredakteur von koeln.de, weitere vierzehn Jahre als Konkurrent, obwohl DuMont als Medienhaus in Köln ja eigentlich konkurrenzlos ist.

Ich erinnere mich an einige Episoden, in denen wir aneinandergeraten sind.

Die erste stammt aus den frühen 70er-Jahren. Ich war Redakteur beim EXPRESS und im Zeichen der Nach-68er-Bewegung und des sozialliberalen Aufbruchs, den Neven unterstützt hatte, verhandelten wir um ein Redaktionsstatut. Ich gehörte zu der Gruppe, die von den Kolleginnen und Kollegen gewählt worden war, die Verhandlungen mit dem Verleger zu führen.
Die EXPRESS-Vollversammlung hatte uns beauftragt, u.a. zu fordern, dass der Chefredakteur künftig von der Redaktion gewählt werden sollte und dass der Verlag, wenn er denn Anteile verkaufen wollte, sie als erstes der Redaktion anbieten müsste. Wir Verhandlungsführer hatten gewarnt, dass der Verleger dem nie zustimmen würde, aber die Kollegen meinten, es sei doch „nur eine Forderung“, darüber könne verhandelt werden.
Der Verleger aber verhandelte nicht mehr. Er schrieb einen Brief, persönlich adressiert an jeden einzelnen Kollegen, in dem er den Vorwurf erhob, wir hätten vor, „ihn als Person und Funktion aus dem Weg zu räumen.“ Damit war das Thema Redaktionsstatut beim EXPRESS erledigt. Die Kollegen vom Kölner Stadt-Anzeiger haben damals übrigens ein Redaktionsstatut bekommen, ohne diese beiden speziellen Forderungen allerdings.

Zu einem Jubiläum des Kölner Stadt-Anzeigers inszenierte Dieter Flimm, Bühnenbildner und Bruder des bekannten Theaterregisseurs Jürgen Flimm, eine Revue, die im Sartory aufgeführt wurde. Ich war inzwischen Kulturchef des EXPRESS. Eine sehr erfahrene Kollegin, Sabine Werz, kam von der Generalprobe zurück und meinte: „Ich weiß nicht, die Revue ist nicht wirklich gut, in Teilen sogar schlecht. Was soll ich bloß schreiben?“ Ich sagte, sie solle genau das schreiben, was sie erlebt hatte. Als Überschrift wählten wir „Davon geht die Welt nicht unter“, ein Lied, das in der Revue vorkam.
Am Abend war die Premiere als Sonderveranstaltung für die Mitarbeiter des Hauses DuMont. Ich saß eher zufällig am Tisch des Verlegers. In der ersten Pause großer Jubel des ganzen Saales. Meine Kollegin kam zu mir. Vielleicht habe sie sich ja doch vertan, vielleicht sei das Stück ja doch besser. Wenn sie jetzt den Jubel sehe, hätte sie Zweifel. Ich beruhigte sie. Meiner Meinung nach sei ihre Kritik völlig angemessen. Und ich hätte den Eindruck, dass der Verleger das ähnlich sehe.
Am Ende der Aufführung war der Jubel noch größer, aber jetzt war es sowieso zu spät, den Artikel zu ändern.
Am nächsten Morgen bekam ich einen Anruf des Beauftragten des Verlegers. Was der EXPRESS sich mit der Kritik der Revue geleistet habe, sei in höchstem Maße verlagsschädigend. Ich sei dafür verantwortlich und könne mit der fristlosen Kündigung rechnen. Der Verleger sei noch nicht im Hause, aber der werde das sicher genau so sehen.
Netterweise ging meine bevorstehende Kündigung auch gleich als Hausmitteilung durch alle Abteilungen. In voreilendem Gehorsam wollte man alles Nötige getan haben, bevor Alfred Neven DuMont erschiene.
Gegen Mittag bekam ich einen Anruf aus dem Sekretariat des Verlegers. Er erwarte mich. Na, dachte ich, jetzt ist es also so weit. Auch der Beauftragte des Verlegers war im Neven-Büro. Und dann die Überraschung. Alfred Neven sagte: „Herr Franzmann und Frau Werz haben völlig Recht mit ihrer Kritik. Nur, weil das Stück zum Jubiläum des Kölner Stadt-Anzeigers aufgeführt und von uns mitfinanziert wurde, heißt das doch nicht, dass man das nicht kritisieren darf. Die Kündigung wird natürlich zurückgenommen.“
Und damit der Ruf auch innerhalb des Hauses wiederhergestellt wurde, gab es noch einmal eine schriftliche Hausmitteilung an alle, die die Kritik ausdrücklich lobte.

Vostell-Grafik von 1992 - Widmung: "Für den EXPRESS (Rheingold)"
Vostell-Grafik von 1992 – Widmung: „Für den EXPRESS (Rheingold)“
In Kunstdingen war Alfred Neven DuMont ein außergewöhnlicher Experte. In seinem Büro hingen Gemälde, die ich nur aus Museen kannte, zum Beispiel ein echter Fernand Léger. Anfang der 90er-Jahre kam HA Schult mit seinem verrückten Vorschlag, einen goldenen Ford Fiesta auf das Kölnische Stadtmuseum zu setzen. Er fragte mich, ob der EXPRESS das nicht unterstützen könnte. Es entstand die Idee, eine Grafik mit dem Flügelauto als ganzseitige Farbseite im EXPRESS abzudrucken, HA Schult würde das Blatt dann 24 Stunden lang für jeden Interessierten signieren.
Natürlich musste so ein Projekt mit dem Verleger abgesprochen werden. Er gab sein OK, obwohl er skeptisch war: „Meinen Sie wirklich, dass sich Leute dieses 50-Pfennigs-Blatt signieren lassen und in die Wohnung hängen?“
Am Ende kamen über 8000 EXPRESS-Leser ins Stadtmuseum. Die Aktion war ein voller Erfolg, nur die offizielle Kölner Kunstwelt hielt sich zurück.
Ein Jahr später sollte sich das ändern, als wir die Aktion mit Wolf Vostell wiederholten, dem bekannten Happening-und-Fluxus-Künstler. Diesmal hatte der Verleger mir weitgehend freie Hand gegeben. Nur das Bild, das im EXPRESS abgedruckt werden sollte, das würde er denn doch gerne mal sehen. Aber das hätte keine Eile.
Ein paar Tage vor dem Druck hatte Wolf Vostell endlich seine Grafik fertig. Ich zeigte sie dem Verleger. Die Stadt Köln mit dem Rhein, in dem statt Wasser Dollars flossen.
Ich spürte, wie der Zorn Alfred Neven DuMont packte. „Herr Franzmann, das machen Sie und der Vostell doch nur, um mich persönlich zu ärgern. Meinen Sie, ich wäre zu dumm, die Botschaft dieses Bildes zu verstehen? Sie wollen sagen, dass Kunst in Köln nur mit Geld zu tun hat. Das geht direkt gegen mich. Das kommt so nicht in meine Zeitung.“
Ich weiß nicht, wie lange ich geschwiegen habe. Aber dann habe ich Folgendes gesagt: „Herr Neven, Sie hatten mir freie Hand gegeben. Alles ist vorbereitet. Die Vostell-Ausstellung im Schloss Morsbroich in Leverkusen. Die Ausstellung in der Kölner Kunsthalle, wo Vostell das Blatt signieren wird und zu der sich die Tageschau angesagt hat. Der Druckvorgang im Pressehaus ist vorbereitet, wo der Künstler selbst an den Druckmaschinen die Farben mischen will. Auch viele Kölner Galeristen werden dabei sein.“
Diesmal schwieg der Verleger für einige Sekunden. „Sie wollen mir also sagen, Herr Franzmann, das Sie persönlich in Schwierigkeiten geraten könnten, weil Sie Zusagen gemacht haben, die Sie nicht einhalten können, wenn dieses Bild nicht im EXPRESS erscheint?“
Ich nickte.
„Gut. Dann drucken wir also. Aber das Bild können Sie behalten. Ich will das nicht haben.“
Ich fand das damals ganz großartig von ihm. Und das Bild halte ich natürlich in Ehren.

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