Zweite Auflage für „Adenauers Auge“

Gute Nachricht aus dem Emons-Verlag: „Adenauers Auge“, mein vorletzter Kriminalroman, wird in einer zweiten Auflage nachgedruckt.

Das gibt mir die Möglichkeit, einen Fehler der ersten Auflage zu korrigieren, der hier nicht verraten werden soll.

In „Adenauers Auge“, erschienen im Herbst 2012, habe ich geschrieben, wie die deutsche Bundeskanzlerin abgehört wird, zu einer Zeit, als Edward Snowden noch keine seiner Enthüllungen veröffentlicht hatte.

Hier als Leseprobe der Beginn des Buches:

Dienstag
1
Der Mann in flecktarn-oliv nahm die Position ins Visier, an der die Kanzlerin stehen sollte. Der Laser signalisierte eine Entfernung von neunhundertdreizehn Metern. Der Weltrekord im Präzisionstöten stand bei zweitausendvierhundertfünfundsiebzig Metern. Irgendwann wollte er diesen Weltrekord brechen. Heute kam es darauf an, nur einen einzigen Schuss abzufeuern und zu treffen.

Sein Scharfschützengewehr G22 benötigte Patronen vom Kaliber .300 Winchester Magnum, umgerechnet sieben Komma sechs zwei mal sechsundsechzig Komma fünf Millimeter. Die Iris eines menschlichen Auges maß im Durchmesser etwa elf Millimeter. Er würde ins Auge zielen.

In Gedanken spielte er den Schuss durch. Er legte an, er drückte ab, er verfolgte den Flug des Projektils, er sah den Einschlag im linken Auge der Zielperson, er sah, wie sich der Kopf verformte und zersplitterte. Er betrachtete das Geschehen kühl wie ein Forscher sein Rattenexperiment.

Als Junge hatte Marcel Ponk sich seine Ziele selbst gesucht. Die Katze des Nachbarn. Die Euter der Kühe auf der Weide. Die Fliege auf dem Apfelkuchen beim Gartenfest seiner Tante, ein Treffer, der ihm drei Tage Hausarrest eingebracht hatte.

Heute bekam er Befehle, wann und wo und auf wen er schießen sollte. Er führte aus. Töten war sein Beruf. Das hatte man ihm vor seinem Einsatz in Afghanistan beigebracht.

Einmal hatte er es tun müssen. In Kunduz, nicht weit vom deutschen Lager entfernt. Sie waren angegriffen worden. Die Angreifer waren Kinder gewesen. Bewaffnete Kinder. Schwer bewaffnet. Ein Junge, vielleicht zwölf, dreizehn Jahre alt, schoss auf ihn. Er schoss nicht zurück, nicht sofort, erst nachdem er selbst in die Schulter getroffen worden war.

Der Junge war nur noch zwanzig Meter weit weg. Es war Notwehr. Der Körper des Jungen fiel auf den sandigen Boden und ließ eine kleine Staubwolke aufsteigen. Er hatte gewartet, ob er einen Schmerzensschrei hören würde. Er hörte nichts. Es war ein lautloser Tod gewesen. Ein lautloser Tod, der sich seitdem jede Nacht und jeden Tag wiederholte.

(Mehr unter
http://www.emons-verlag.de/media/files/leseproben/Franzmann_Adenauers_Auge_S.2-17.pdf)