Im Forum der Website “Krimi-Couch.de” tauchte die Frage auf, ob ich nicht eine Leseprobe meines Köln-Krimis “Millionenallee” auf meiner Website veröffentlichen könnte. Das mach’ ich doch gerne. Lesen Sie hier also den ersten Tag von insgesamt acht Tagen des Buches. Kommentare sind erwünscht. Zugabe möglich.
SAMSTAG
Franck schaute auf seine Uhr, eine platinschimmernde Lange-
Tourbillon: zehn Uhr und dreizehn Minuten. Nur noch knapp
neunundzwanzig Stunden, dann würde er Herr über hundert
Millionen Euro sein.
Die Hohe Straße, die Einkaufsmeile vom Kaufhof Richtung
Dom, war an diesem sonnigen Maisamstag schwarz vor
Menschen, die sich in Zwanzigerreihen an den Schaufenstern
vorbeidrängten. Mit seinen ein Meter achtundachtzig war
Franck kein Riese, aber irgendwie schwebte er doch über der
Menge. Wie viel würde ihm der heutige Tag einbringen? Wie
viele würden ein Parfüm der Marke »vF« kaufen: von Franckenhorst?
»Weißt du«, sagte Franck zu Stefanie, die einen halben Kopf
tiefer neben ihm herstöckelte, dass die blonden Haare hin und
herwippten, »wir haben da so einen verrückten Familienbrauch.
Wenn der älteste Sohn dreißig Jahre alt wird, erhält er
Zugriff auf zehn Prozent des Familienvermögens.«
»Ja, schön, wenn Familien zusammenhalten. Wir treffen uns
auch immer an Weihnachten.«
»Du verstehst das nicht. Ich bin der älteste Sohn. Ich werde
morgen dreißig Jahre alt. Ich bekomme die zehn Prozent.«
»Herzlichen Glückwunsch. Aber was willst du mit zehn
Prozent? Du hast mir doch gesagt, du wärst reich.«
»Ich bin reich. Schon immer.«
»Ist ja gut. Musst dich nicht aufregen.«
»Ich rege mich nicht auf. Ich möchte nur, dass du es begreifst.«
»Was soll ich begreifen?«
»Dass mir ab morgen hundert Millionen gehören.«
»Hundert Millionen von was?«
»Euro.«
»He, das ist eine Menge Geld.«
»Ja, das ist eine Menge Geld. Und eine Menge Macht.«
Stefanie lachte. »Macht doch nix. Ich meine, ich mache mir
nichts aus Macht. Mit ein bisschen Geld bin ich schon zufrieden.
Hast du deine Freunde zum Geburtstag eingeladen? Gibst
du eine Party? Du hast mir gar nichts erzählt.«
»Wer reich ist, braucht keine Freunde«, sagte Franck.
»Wer reich ist, hat keine Freunde«, gab Stefanie zurück.
Sie blieb vor einer Boutique stehen, prüfte ihre schlanke Figur
in einem Spiegel, war zufrieden mit dem, was sie sah, und
zupfte Franck schließlich am Arm. »Schau, das Kleid. Kauf mir
das Kleid! Das kleine Schwarze. Zur Feier des Tages.«
Franck ging wortlos in den Laden, legte einen Fünfhunderteuroschein
auf die Theke, zeigte auf Stefanie und das Kleid im
Schaufenster. »Geben Sie ihr das.«
»Ich geh schon mal vor ins Campi«, sagte er zu Stefanie und
verschwand.
»Ist gut. Ich komm nach. Aber das kann dauern, wenn ich
shoppe. Bekommst du von dem Geld was zurück?«
Franck hörte Stefanies Worte schon gar nicht mehr und verschwand
durch die Glastür nach draußen in den Menschenstrom
der Kölner Fußgängerzone. Eigentlich hatte er sich nie
wirklich für das Geschäft interessiert. Aber ab morgen würden
ihm zehn Prozent des Unternehmens gehören. Da konnte
es nicht schaden, sich ein wenig zu kümmern.
Franck wusste, dass eine ihrer Verkaufsstellen am Roncalliplatz
direkt am Kölner Dom lag. Da kauften vor allem Touristen
ein, Eau de Cologne aus Köln. »4711«, die bekannte
Marke, war nach manchen Irrungen durch die halbe Welt inzwischen
von einem Stolberger Unternehmen übernommen
worden. »Farina gegenüber«, der dreihundert Jahre alte Klassiker,
war geschäftlich keine ernsthafte Konkurrenz. Nur
den Franckenhorsts war es gelungen, ihre Marke als »Premium
« zu etablieren. Alter Adel, alte Klasse eben. Das ließen
sich die Kundinnen gerne etwas mehr kosten. Ihm sollte es
recht sein.
Er ließ das Campi im Funkhaus am Wallrafplatz links liegen
und ging die wenigen Schritte weiter bis zum Roncalliplatz.
Ein heftiger Windstoß wehte ihm ins Gesicht.
Der Franckenhorst-Shop neben dem Dom-Hotel war menschenleer.
Franck wunderte sich. Eine Bedienung, in das Franckenhorst’sche
Blau und Orange gekleidet, schaute in seine
Richtung, sprach ihn aber nicht an. Er musterte die Auslagen.
Kleine Fläschchen mit glänzenden Flüssigkeiten, edel verpackt,
edel gestaltet. Das sah alles sehr gut aus. Und es roch gut. Warum
kaufte das keiner? Und warum wollte ihm keiner etwas
verkaufen?
»Sie haben heute wohl nicht vor, noch zu arbeiten«, giftete
er die Bedienung an und erschrak selbst über seinen Tonfall.
»Mein Herr, es ist nicht üblich im Hause Franckenhorst,
die Kunden als Erste anzusprechen. Unser Auftrag ist es abzuwarten,
ob unsere Dienste gewünscht werden. Kann ich Ihnen
behilflich sein?«
Franck glaubte, im Unterton eine Spur von Missbilligung
zu hören, aber eigentlich konnte er der jungen Frau nichts
vorwerfen. Und das ärgerte ihn fast noch mehr.
»Ich habe nicht endlos Zeit. Ich suche etwas für meine Verlobte.«
»Darf ich Ihnen einen Rat geben?«
»Danach habe ich Sie doch gerade gefragt.«
»Sie sollten sich immer Zeit nehmen, wenn es um Ihre Verlobte
geht.«
Franck war baff. Das hatte er nicht erwartet. Und er ging
wieder in Angriffsstellung. »Was fällt Ihnen ein!«
»Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.
Es war nur gut gemeint. Nehmen Sie ›vF femme‹, das ist in
diesem Jahr ganz groß in Mode und wird Ihrer Verlobten ganz
bestimmt gefallen.«
Die junge Frau holte ein kleines Paket aus dem Regal, das
sehr aufwendig verpackt war.
»Haben Sie nichts Größeres?«, fragte Franck.
»Doch, natürlich. Aber diese Größe hier ist sehr gefragt.
Neunundachtzig Euro.«
»Geben Sie schon her. Wie heißen Sie eigentlich?«
»Christina. Christina Brandt.« Dabei zeigte sie auf das Namensschild
an ihrer Jacke.
»Ja, jetzt sehe ich es. Christina Brandt. Noch eine Frage:
Wieso ist es hier heute so leer? In der Hohe Straße drängen sich
die Massen.«
Christina lächelte ihn an. »Wissen Sie, was wir hier anbieten,
ist auch keine Massenware. Wer hier einkauft, sucht das
Besondere und keinen Ramsch. Ihre Verlobte wird das zu
schätzen wissen.«
Franck fühlte sich plötzlich und wie so oft klein und unsicher.
Diese Frau machte ihn nervös. Warum war er nicht so
schlagfertig wie andere? Warum zog er immer den Kürzeren?
Wieso kam er sich so unbedeutend dieser Angestellten gegenüber
vor, der er sogar etwas von einer Verlobten vorgelogen
hatte? Wenn er doch nur einen guten Abgang hinbekäme. Er
gab ihr seine Kreditkarte.
»Oh, Sie heißen Franckenhorst. Franck von Franckenhorst.«
»Ja«, sagte Franck. Und plötzlich spürte er, wie dieses kleine
Stück Plastik die Lage zu seinen Gunsten veränderte. Christinas
Hand zitterte, als sie die Karte in das Lesegerät steckte.
»Der Name ist nicht so häufig. Sind Sie …«
»Ja. Ich bin einer von den Franckenhorsts.«
»Sie nehmen mir doch nicht übel, was ich vorhin gesagt habe?«
»Was haben Sie denn gesagt?«
»Das mit Ihrer Verlobten, und dass Sie sich Zeit nehmen
sollten.«
»Zeit ist Geld, sagt mein Vater immer.«
»Nein, Zeit ist Liebe«, sagte Christina.
Franck schaute ihr in die Augen. Sie hielt seinem Blick
stand. Sie war genauso schlank und nicht viel größer als Stefanie,
aber mit ihrem kurzen, schwarzen Haar doch ein ganz anderer
Typ. Er nahm das Parfümpaket, drückte es ihr in die
Hand und sagte: »Ist für Sie.«
Und noch ehe sie etwas antworten konnte, verschwand er
Richtung Ausgang. Durch einen Spiegel an der Ladentür sah
er, wie sie ihm nachschaute. Am Ende hatte er sie doch beeindruckt.
Oder sein Name. Oder sein Geld. Sie strich sich ihre
Haare aus dem Gesicht und wirkte nachdenklich.
Auf der Domplatte empfing Franck das übliche Gewirr von
Touristen, Gauklern, Pflastermalern, Geschäftsleuten, Pilgern,
Einkäufern, Demonstranten. An der »Klagemauer« blieb er
stehen. Der Betreiber war ein liebenswerter Querulant, der
sich einfach nicht von diesem schönsten Fleck der Stadt vertreiben
ließ. An Kordeln hatte er Postkarten aufgehängt, auf
denen jeder seine Kritik am Unrecht der Welt verkünden
konnte. Franck nahm sich eine Karte und schrieb in Großbuchstaben:
»AUCH EIN MILLIARDÄR – HAT’S SCHWÄR.«
»Schwär« mit ä und nicht mit e. Das war seine kleine Provokation.
Mit einer Wäscheklammer hängte er sein Miniaturgedicht
zwischen eine Karte, die das Ende der Folter in Guantánamo
forderte, und eine andere, auf der »Hartz IV für alle«
propagiert wurde. Er warf zwei Euro in die Spendenbüchse
und ging weiter auf den Roncalliplatz, um den Skatern zuzusehen.
Er war ziemlich sportlich, ein guter Tennisspieler, Schwimmer,
Läufer. Aber Skateboard fahren konnte er einfach nicht.
Da gab es hier im Schatten der Kathedrale sogar Zwölfjährige,
die die tollsten Kunststücke draufhatten. Man durfte nicht
schreckhaft sein, wenn sie auf einen zurasten, aber Franck hatte
noch nie erlebt, dass einer der Skater wirklich jemanden angefahren
hätte.
Er ging am Dom-Hotel vorbei Richtung Brauhaus Früh
und Heinzelmännchenbrunnen. Wenn er den Weg zur Hohe
Straße durch die Passage nehmen würde, dann müsste er nicht
mehr am Campi vorbei. Er hatte keine Lust auf weitere Gespräche
mit Stefanie. Sie war lieb und nett und einfach zu haben.
Immer gut gelaunt. Immer da. Ein wunderbares Spielzeug.
Wohin sollte er gehen? Fast mechanisch führten ihn seine
Schritte rechts in die Minoritenstraße, über die Nord-Süd-
Fahrt in die Breite Straße, wieder eine Fußgängerzone, aber
nicht ganz so überfüllt.
Die Gastwirte hatten begonnen, ihre Tische und Stühle
nach draußen zu stellen. Sobald sich in Köln die Sonne sehen
ließ, versammelten sich die Menschen auf den Straßen und
Plätzen. Ob das etwas mit der römischen Vergangenheit der
Stadt zu tun hatte? Der Winter war vergleichsweise kalt und
nass gewesen. Die vielbeschworene Klimaveränderung war
überraschenderweise für eine Saison ausgefallen. Franck hatte
den Winter in Südafrika verbracht, der dort ein Sommer war.
Aber auch er freute sich jetzt über den rheinischen Frühling.
Und außerdem: Der Frühling war ja seine Jahreszeit. Er hatte
Geburtstag. Und morgen würde er reich sein. Reicher als jemals
zuvor.
Sein Vater hatte ihm einmal erzählt, wie er seinen dreißigsten
Geburtstag erlebt hatte. Die zehn Prozent waren damals
noch keine hundert Millionen Euro, sondern sechzig Millionen
Mark. Die Franckenhorsts gehörten auch noch nicht zu den
Milliardären im Lande, aber schon zu den sehr Reichen. Vor allem
war es »altes« Geld. Das war etwas anderes als die schnell
verdiente Mark der Krämer und Computerunternehmer.
Opa Fritz hatte zu Ehren von Ferdinand eine komplette
Vorstellung der Kölner Oper am Offenbachplatz gekauft.
Warum ausgerechnet »Carmen« auf dem Spielplan stand, hatte
Ferdinand nie erfahren. Aber die Musik gefiel ihm, und als
der letzte Vorhang gefallen war und die Künstler ihren Beifall
genossen, trat Fritz auf die Bühne, einen blau-orangefarbenen
Umschlag in der Hand, und rief Ferdinand hoch ins Rampenlicht.
Er sei stolz und aufgeregt gewesen. Und als er endlich
oben war und den Umschlag nehmen wollte, da warf Fritz das
Papier der Carmen-Darstellerin zu und forderte Ferdinand
auf, es sich zu holen. Der ganze Saal lachte, als Ferdi sich eher
schüchtern und ungeschickt an Carmen ranmachte, die den
Umschlag in ihrem Dekolleté versteckt hatte, eine Grenze, die
Ferdi auf keinen Fall überschreiten wollte. Das Lachen im
Saal wurde immer lauter. Carmen hatte endlich ein Einsehen,
fingerte das Papier aus ihrem Busen hervor und überreichte es
Ferdinand. »Weißt du, Franck, es war ein schrecklicher Abend.
Ich fühlte mich so gedemütigt. Mein Vater hat sich nie dafür
entschuldigt. Aber ich hatte das Papier. Und ich wusste:
Jetzt, jetzt würde mich niemand mehr demütigen, ohne es zu
bereuen.«
Was würde sich Ferdinand für ihn ausdenken? Musste er
sich auch auf irgendeinen Spaß oder eine Demütigung gefasst
machen? Franck wusste, dass Ferdinand nicht viel von ihm
hielt. Er hatte weder Chemie noch Betriebswirtschaft studiert,
sondern Philosophie und Germanistik. »Brotlose Kunst«, hatte
Ferdinand dazu immer gesagt. Die Franckenhorsts hätten
eine besondere Verantwortung, und ganz besonders die ältesten
Söhne, die müssten schließlich das Familienunternehmen
führen.
Franck hatte nie wirklich Lust verspürt, in die Firma einzusteigen.
Gunther, sein jüngerer Bruder, die Zweitgeborenen bekamen
immer einen Namen mit G, die Drittgeborenen mit H
und so weiter, Gunther wäre wahrscheinlich viel besser geeignet.
Gunther arbeitete als selbstständiger Steuerberater mit
eigener Kanzlei. Aber Franck als der älteste Sohn war nun einmal
der geborene Thronfolger, so lautete die Regel bei den
Franckenhorsts seit sieben Generationen. Und hatte sich die
Tradition nicht bewährt? Sogar den Ansturm der Emanzipation
hatte sie überstanden. Immerhin wurden die weiblichen
Familienmitglieder seit den achtziger Jahren des letzen Jahrhunderts
finanziell genauso gestellt wie die übrigen männlichen
Familienmitglieder. Aber etwas zu sagen hatten weiterhin nur
die erstgeborenen Männer jeder Familiengeneration. Wenn ein
ältester Sohn dreißig wurde, bekam er zehn Prozent der Un-
ternehmensanteile. Wenn er fünfzig wurde, erhielt er fünfzig
Prozent und übernahm die Unternehmensführung. Der bisherige
Chef wurde dann auf zwanzig Prozent abgestuft und wechselte
in den Aufsichtsrat. Die restlichen zwanzig Prozent wur-
den unter allen anderen Familienmitgliedern gleichmäßig aufgeteilt.
Ferdinand, Francks Vater, war jetzt neunundfünfzig,
also seit neun Jahren an der Macht, die er nach den Familienregeln
weitere zwanzig Jahre ausüben könnte, bis Franck fünfzig
Jahre alt würde und an die Reihe käme. Tatsächlich waren
die Franckenhorsts ein sehr gesundes Geschlecht, auch die Männer
erreichten nicht selten die achtzig Jahre. Erst zweimal war
es vorgekommen, dass ein Franckenhorst vor seinem fünfzigsten
Geburtstag die Firmenleitung übernehmen musste, weil
sein Vater vorzeitig gestorben war.
Franck überquerte die Neven-DuMont-Straße, die die Fußgängerzone
der Breite Straße unterbrach. Auf der Ecke stand
das Einkaufs-Carré des Verlegers. Franck kannte den Junior
gut, natürlich. Der hatte ihn mal für seine »Goldenen Jungs«
werben wollen. Franck hatte eine großzügige Spende gegeben,
aber dem Club der Jungreichen war er nicht beigetreten.
Wahrscheinlich hielten ihn Junior und seine Anhänger für eingebildet,
sei’s drum.
Am Blumenstand hinter dem Café Schmitz kaufte er eine
rote Rose und steckte sich die Blüte an das Revers seines hellen
Anzugs. Schließlich hatte er etwas zu feiern. Und er wollte,
dass die Welt es sah. Und warum keine rote Rose? Durfte
man die nur geschenkt bekommen?
Franck ging weiter, sein Schritt war etwas federnder als zuvor.
Zwischen den Augenwinkeln nahm er undeutlich wahr,
dass die Menschenmenge einen Bogen um eine Stelle vor den
Karstadt-Schaufenstern machte. Da schien jemand auf dem
Boden zu sitzen, zwei Männer, wahrscheinlich Bettler, die Flasche
kreiste. Franck marschierte gedankenverloren auf das Pärchen
zu, hielt unbewusst einen Sicherheitsabstand von vielleicht
fünfzig Zentimetern zu dem Hut, in den die Passanten
ihre Geldstücke werfen sollten. Der Hut schien leer zu sein.
Franck hatte nicht die Absicht, an diesem Zustand etwas zu
ändern.
Plötzlich peitschte ein Schmerz durch seine linke Wade, irgendetwas
hatte ihn mit voller Wucht getroffen, Franck knick-
te ein, fiel auf den Boden, knallte mit dem Gesicht in eine Pfütze
aus Schmutz und Alkohol. Noch ehe er begriff, was geschah,
schrie einer der Bettler wie am Spieß: »Hilfe, Polizei.
Der hat mich getreten. Was fällt Ihnen ein, mich zu treten!
Mich, einen Krüppel! So sind sie, die feinen Leute.«
Franck spürte, wie ihn kräftige Arme schüttelten und
schließlich umdrehten. Und dann sah er in ein unrasiertes Gesicht,
und aus diesem Gesicht schrie es wieder: »Ja, genau. Sie
meine ich. Sie denken wohl, Sie könnten sich alles erlauben.
Nur weil Sie einen Anzug tragen. Ich zeige Sie an. Hilfe! Polizei!
Ruf doch mal einer die Polizei!«
Die letzten Worte richtete der Bettler an die umstehenden
Gaffer, die sich im Kreis um Franck und die beiden Penner
drängten. Franck spürte, wie ihm Blut in die Mundwinkel lief.
Instinktiv wischte er sich mit dem Ärmel seines Jacketts durchs
Gesicht, was dessen helles Beige mit roten und anderen undefinierbaren
Farbtönen mischte.
»Hilfe, Polizei!«, brüllte der Bettler schon wieder. Franck
sah, dass er nur ein Bein hatte.
»Schreien Sie doch nicht so«, sagte er.
»Ich schreie hier, so laut ich kann. Das könnte Ihnen so
passen. Erst einen armen Krüppel treten, einen einbeinigen
Krüppel, und dann auch noch mundtot machen wollen. Holt
denn jetzt endlich einer die Polizei?«
Natürlich holte keiner die Polizei. Einige Gaffer drehten
ab, nachdem sie sich überzeugt hatten, dass Franck überlebt
hatte und auch kein weiteres Blut fließen würde. Andere warteten
gespannt, wie sich die Geschichte weiterentwickeln würde,
wenn sie nur nicht selbst hineingezogen würden.
Franck fand langsam seine Fassung wieder. »Lassen Sie mich
doch endlich los! Lass mich los!«
Der Bettler lockerte seinen Griff. »Das ist aber wirklich
nicht in Ordnung, dass Sie mich hier einfach umlaufen.«
»Das habe ich nicht. Das habe ich nicht … gewollt«, stammelte
Franck. »Ich hatte eher den Eindruck, dass Sie mir ein
Bein gestellt haben.«
»Ich soll dir ein Bein gestellt haben?«, sagte der Bettler empört
und wurde wieder laut. »Das muss man sich mal vorstellen.
So eine Unverschämtheit.« Und jetzt schrie er wieder:
»Ich soll dich getreten haben? Ich, ein Krüppel mit einem Bein.
Erzähl das mal der Polizei.«
Plötzlich mischte sich auch der Kumpel des Bettlers ein. Der
war deutlich alkoholisiert und nuschelte: »Dä Schäng, dä tritt
nich. Nie. Jeht doch jar nit. Armes Schwein.«
»Tja, dann«, sagte Franck, »entschuldige ich mich bei Ihnen.
Ich war in Gedanken. Da habe ich Sie vielleicht nicht gesehen.«
Der Einbeinige lockerte seinen Griff. »Entschuldigung ist
schon mal gut. Geht vielleicht auch ohne Polizei.«
»Was geht vielleicht auch ohne Polizei?«
»Na, das hier. Oder wollen Sie Unfallflucht begehen?«
»Unfallflucht?«
»Sie können hier nicht einfach weg. Ich brauche Name,
Adresse.«
»Name, Adresse?«
»Ja, sicher. Für den Schadenersatz.«
»Welchen Schadenersatz?«
»Na, meine Verletzungen. Hier!« Der Bettler zeigte auf seinen
Knöchel, der Fuß steckte ohne Strümpfe in zerschlissenen
Schuhen. »Die blauen Flecken bringen mindestens, mindestens
«, er schaute sich Franck noch einmal genauer an, »mindestens
dreißig, nein, fünfzig Euro. Und dann noch die Verletzung
der Menschenwürde.«
»Verletzung der Menschenwürde«, wiederholte Franck verblüfft.
»Ja. Verletzung der Menschenwürde. Macht noch mal fünfzig
Euro.«
»Sie verkaufen Ihre Menschenwürde zu billig«, sagte Franck.
»Aber Sie sollen die hundert Euro bekommen. Geben Sie mir
Name und Kontonummer, dann überweise ich Ihnen das
Geld.«
Der einbeinige Bettler schaute in die Menge. »Name und
Kontonummer, meine Damen und Herren. Haben Sie das gehört:
Name und Kontonummer. Wo soll ich denn so was hernehmen?
Name und Kontonummer! Nix da, Bargeld lacht.«
Die Menge feixte und applaudierte. Franck gelang es endlich
aufzustehen. Sein Spiegelbild, das ihn aus dem Karstadt-
Schaufenster anblickte, wirkte nicht sehr vertrauenswürdig.
Er holte sein Portemonnaie heraus. »Ich habe nur zwanzig Euro
in bar und ein paar Münzen.«
»Scheckkarte dabei?«
»Sie meinen, Sie nehmen auch Scheckkarten?«
»Nein. Das wäre ja noch schöner. Da vorne ist ein Geldautomat.
Karte rein. Hundert Euro raus und an mich weiterleiten.
Ich stelle Ihnen auch gerne eine Quittung aus. Damit alles
seine Ordnung hat.«
Die Menge teilte sich wie das Wasser des Roten Meeres vor
Moses, damit Franck ungehindert an den Geldautomaten gelangen
konnte. Der Einbeinige stützte sich auf seine Krücken
und eskortierte ihn. Franck ließ sich dreihundert Euro auszahlen,
die der Automat in Fünfzig-Euro-Noten ausspuckte.
»Hier, für Sie«, sagte Franck und gab dem Einbeinigen einen
Schein.
»Das sind fünfzig Euro.«
»Ja.«
»Ich bekomme hundert Euro.«
»Wegen der Menschenwürde.«
»Ja. Wegen der Menschenwürde.«
»Wie heißen Sie?«
»Schäng. Haben Sie doch gehört.«
»Schäng?«
»Alle nennen mich Schäng. Krüppels Schäng.«
»Und wie heißen Sie richtig?«
»Jean. Jean Leclerc.«
»Schön, Jean. Hier haben Sie den Rest vom Kleingeld.«
Franck hielt ihm die anderen fünf Scheine entgegen. Jeans
Hand zuckte zurück, dann packte er doch zu, steckte die fünf
Scheine in seine Hemdtasche und schaute sich vorsichtig um,
ob auch niemand gesehen hatte, was und wie viel er bekommen
hatte.
»Quittung?«, fragte Jean. Franck schüttelte den Kopf.
»Ist klar, Chef. Nichts für ungut«, sagte er schließlich und
hinkte zurück zu seinem Kumpel. »Karl, sag dem Mann danke.
Der hat uns gerade ein sehr gutes Essen spendiert«, hörte
Franck Jean noch sagen. Dann zogen die beiden ab. Den Hut,
der vor ihnen gelegen hatte, angelte Jean mit Hilfe einer seiner
Krücken, wirbelte ihn so geschickt durch die Luft, dass er auf
seinem Kopf landete, ein Kunststück, das Franck zu spontanem
Applaus veranlasste. Jean fing dabei sogar noch eine
Münze auf, die er an Karl weitergab, dann zockelten die beiden
ab. Hoffentlich trinken die sich jetzt nicht zu Tode, dachte
Franck.
Aus der Menge, die sich langsam auflöste, stieg noch eine
Männerstimme auf. »Nichtsnutziges Pack. Sollen mal richtig
arbeiten lernen.«
Franck ging auf den Rufer zu, einen alten Mann mit kleinem
Hut: »Ich glaube, Sie sehen da was falsch. Die beiden haben
gerade sehr hart gearbeitet und sehr ordentlich verdient.«
Sein Gegenüber musterte Franck von Kopf bis Fuß, schien
nicht erfreut über das, was er sah, und verstanden hatte er auch
nichts. Aber er legte noch einmal los. »Und Sie, schauen Sie
sich an, sehen ja selber aus wie ein Penner. Stecken wahrscheinlich
mit denen unter einer Decke.«
Dass er sich umziehen musste, so verdreckt, wie er inzwischen
aussah, war nicht von der Hand weisen. Aber das ließ er
sich doch nicht von so jemandem sagen. Und als ihm nicht sofort
eine schlagfertige Antwort einfiel, nahm er dem Mann
den Hut vom Kopf, warf ihn vor dessen Füße, schnippte ein
Geldstück achtlos hinterher und traf genau in die Kopfbedeckung.
Dann ging er ab, ohne sich umzudrehen, und fühlte sich
richtig gut.
Was für ein seltsamer Frühlingsmorgen, dachte Franck, als
er die Mittelstraße erreichte, wo er sich neu einkleiden wollte.
Der Einkaufsbummel mit Stefanie, das Wortgefecht über Zeit
und Liebe mit der Verkäuferin Christina Brandt, der Zusammenstoß
mit dem einbeinigen Bettler Krüppels Schäng, und
jetzt dieser Giftzwerg mit Hut. Dem, wenigstens dem hatte er
es gegeben.
Giftzwerg mit Hut. Das gefiel ihm. Schade, dass ihm dieser
Begriff so spät eingefallen war, das wäre ein guter verbaler
Konter gewesen. Aber die Aktion mit dem fliegenden Hut und
der Spende war auch nicht schlecht. Müssen Hüte eigentlich so
hässlich sein? Er kannte überhaupt nur einen Menschen, der
regelmäßig Hut trug, Benno, den Maler. Dessen Hüte waren
sehr schick. Im Sommer schmückte er sich mit einem Strohhut.
Und was trug er im Winter? Franck nahm sich vor, Benno bei
Gelegenheit auszufragen.
Beim Herrenausstatter wunderte man sich nicht schlecht
über Francks Aufzug. »Sind Sie überfallen worden? Sollen wir
die Polizei rufen? Es wird ja leider immer schlimmer mit der
Kriminalität«, ereiferte sich der Geschäftsführer.
»Nein, nein. Nichts passiert. Ich bin ausgerutscht. Ich brauche
nur etwas zum Anziehen. Sie haben doch meine Maße.
Wäsche, Hemd, Hose, Jackett. Das ist alles.«
»Herr von Franckenhorst, Sie tragen maßgeschneidert, da
können wir doch nicht von der Stange.«
»Sie meinen, dass ich nackt …« Franck hatte begonnen, sich
mitten im Laden auszukleiden.
»Natürlich nicht. Aber wenn Sie dann bitte mit nach hinten
kommen wollen.«
Es dauerte keine zwanzig Minuten, dann war Franck von
Kopf bis Fuß neu eingekleidet und der Geschäftsführer einem
Nervenzusammenbruch nahe. Jeden Stil-Ratschlag hatte
Franck brüsk abgelehnt und genau das Gegenteil genommen.
Zur schwarzen Hose braune Schuhe und weiße Socken. Obenrum
ein Pepita-Jackett und ein hellblaues Hemd. Statt einer
Krawatte ein rosa Seidentuch. Und als er zum Schluss noch
nach einem Hut fragte, war der Geschäftsführer sichtlich froh,
sagen zu können: »Hüte führen wir nicht.«
Franck drehte sich vor dem Spiegel und gefiel sich. So wür-
de er morgen zu seiner Inthronisierung erscheinen. Er stellte
sich das entsetzte Gesicht seines Vaters vor und spürte Genugtuung.
Sein Vater würde mit Sicherheit noch entsetzter reagieren
als der Herrenausstatter, der noch einmal nachfragte: »Und
Ihnen fehlt ganz bestimmt nichts? Soll ich nicht vielleicht doch
die Polizei rufen? Oder den Krankenwagen?«
»Nein, nein. Alles in bester Ordnung. Es wäre nur schön,
wenn Sie meine alten Sachen reinigen und mir nach Hause
schicken würden.«
Franck schaute auf die Uhr. Es war Viertel nach sieben Uhr
abends. Noch knapp zwanzig Stunden, dann würde er Herr
über hundert Millionen Euro sein.
Er saß mit Stefanie am kleinen Tisch im Esszimmer seines
Penthouse am Brüsseler Platz. Stefanie trug das kleine Schwarze,
das sie sich am Morgen ausgesucht hatte. Franck trug seine
Lange-Tourbillon und sonst nichts.
Stefanie hatte ihn ausgelacht, als er mit seiner bunten Herrenausstatter-
Sammlung zu Hause erschienen war. Dann zerrte
sie ihn vor den Spiegel, und da packte auch ihn der Lachkrampf.
Aus dem Radio erklang »Sex Bomb« von Tom Jones,
Franck nahm den Rhythmus auf und begann den ersten Striptease
seines Lebens. Erst entledigte er sich des rosa Seidentuchs,
sah das offene Fenster und ließ es in die Frühlingsluft
hinausflattern. Die verirrten Papageien in den Bäumen rund
um St. Michael kommentierten das Spektakel mit lautem Gejohle.
Das Pepita-Jackett landete auf einer Bank, das blaue
Hemd verfing sich in einem Ast, die schwarze Hose und die
braunen Schuhe landeten in einem Papierkorb, die weißen Socken
fing ein kleiner Junge auf, der seine Kameraden zusammentrommelte.
Die kleine Schar war enttäuscht, als zunächst
nur noch eine Unterhose vom Dach herabflatterte. Jedenfalls
sammelten sie alle Kleidungsstücke ein, nur das blaue Hemd
flatterte weiter im Abendwind.
»Und jetzt du«, sagte Franck zu Stefanie.
»Was meinst du?«, fragte sie.
»Jetzt wirfst du deine Kleider raus. Die Menge wartet.«
Stefanie lachte, als sie die Jungs unten stehen sah. »Ja, ich
mach’s. Aber das kleine Schwarze behalte ich.«
Stefanie zog das kleine Schwarze aus und legte es vorsichtig
auf einen Stuhl. Dann trat sie an die Brüstung, winkte, streifte
ihren BH ab und warf ihn auf den Platz, wo die Jungs ganz still
geworden waren und die Köpfe nach oben reckten. Stefanie
ließ den Slip hinabflattern und die Seidenstrümpfe. Und sogar
die Stöckelschuhe warf sie runter. Als sie völlig nackt war, drehte
sie sich dreimal langsam um sich selbst und verschwand lachend
im Zimmer.
Franck sah ihr erregt zu. Stefanie war eine schöné Frau.
Leider liebte er sie nicht. Wusste er überhaupt, was Liebe war?
Zeit ist Liebe, hatte diese Verkäuferin zu ihm gesagt. Christina
Brandt. Warum dachte er jetzt an sie, wo Stefanie sich gerade
für ihn ausgezogen hatte? Stefanie zog sich das kleine Schwarze
über und setzte sich zu Franck an den Tisch.
»Und jetzt?«, fragte sie und sah ihn mit großen Augen an.
Ihr Kleid war tief ausgeschnitten, und dieser Anblick erotisierte
Franck mehr als ihre Show auf der Terrasse.
»Lass uns die Armut feiern, solange es sie noch gibt.«
Franck nahm sein Champagnerglas und prostete Stefanie
zu.
Sie hatte wohl etwas anderes erwartet, aber auch sie nahm
ihr Glas und trank einen Schluck. »Was hast du dir nur mit
deinem bunten Outfit gedacht? Männer sollten nie ohne Frauen
einkaufen gehen.«
»Ich wollte meinen Vater ärgern.«
»Und dafür machst du dich zum Clown? So wird das
nichts.«
Stefanie stand auf und beäugte Franck. »Du bist größer als
dein Vater. Du siehst besser aus. Wo ist das Problem?«
»Mein Vater ist reicher als ich, skrupelloser, geschäftstüchtiger.
Er hält nichts von mir.«
»Warum sollte er auch. Du bist kein Gegner für ihn. Du
bist sein Sohn.«
»Was soll das jetzt heißen?«
»Väter wollen immer, dass ihre Söhne alles das leisten, was
sie selbst nicht geschafft haben. Sei groß, sei schön, sei elegant.
Und dann, dann greifst du an.«
»Warum sollte ich angreifen? Wo soll ich angreifen?«
»Warum? Was weiß ich. Ich sehe nur, dass er dich nervt und
verrückt macht. Wenn du das Spiel mitspielen willst, dann spiel
es. Sonst nimm deine Millionen, die die du jetzt schon hast,
und entführ mich auf eine einsame Insel.«
»Du meinst, ich wäre reif für die Insel?«
»Du benimmst dich wenigstens so.«
Sie lachte und zupfte ihn vorsichtig an den Haaren. Franck
wehrte sie ab.
»Stefanie?«
»Ja.«
»Ich liebe dich nicht.«
»Ich weiß.«
»Und es macht dir nichts aus?«
»Doch. Aber nicht wirklich.«
»Wie meinst du das?«
»Du kannst nichts dafür. Du weißt gar nicht, was das ist,
Liebe. Du weißt ja nicht mal, was Freundschaft ist.«
»Ich brauche keine Freunde.«
»Jeder braucht Freunde. Du hast keine Freunde. Bekannte,
ja. Viele. Manche, die auf dein Geld aus sind. Manche, die es toll
finden, die Telefonnummer von Franck von Franckenhorst zu
kennen. Schmeichler. Schmarotzer. Alles, was man kaufen kann
oder am besten nicht kaufen sollte. Du hast keine Freunde,
aber du hast mich.«
»Zu welcher Kategorie zählst du dich denn?«
»Zu den Menschen. Einfach zu den Menschen.«
»Und du willst gar nichts von mir?«
»Doch, natürlich will ich was. Ich will, dass du mich begehrst.
Ich will dein Geld. Das ist praktisch für mich, und dir
tut es nicht weh. In Gelddingen bist du sogar großzügig. Das
Leben mit dir ist immer für Überraschungen gut. Ich liebe
Überraschungen. Und ich sehe immerhin, dass du auf der Suche
bist. Nach Menschen. Vielleicht sogar nach dem Menschen
in dir.«
»Ich begehre dich.«
»Das will ich schwer hoffen.«
»Ich will mit dir schlafen.«
Stefanie lachte und zog ihn ins Schlafzimmer.
mybeautycar.ru…
А на Украине так не делают… Этим Русский и не похож на Хохла!…