Millionenallee” - Leseprobe

Im Forum der Web­site “Krimi-Couch.de” tauchte die Frage auf, ob ich nicht eine Lese­probe mei­nes Köln-Krimis “Mil­lio­nen­al­lee” auf mei­ner Web­site ver­öf­fent­li­chen könnte. Das mach’ ich doch gerne. Lesen Sie hier also den ers­ten Tag von ins­ge­samt acht Tagen des Buches. Kom­men­tare sind erwünscht. Zugabe mög­lich.

SAMS­TAG

Franck schaute auf seine Uhr, eine pla­tin­schim­mernde Lange-
Tour­bil­lon: zehn Uhr und drei­zehn Minu­ten. Nur noch knapp
neun­und­zwan­zig Stun­den, dann würde er Herr über hun­dert
Mil­lio­nen Euro sein.
Die Hohe Straße, die Ein­kaufs­meile vom Kauf­hof Rich­tung
Dom, war an die­sem son­ni­gen Mai­sams­tag schwarz vor
Men­schen, die sich in Zwan­zi­ger­rei­hen an den Schau­fens­tern
vor­beid­räng­ten. Mit sei­nen ein Meter acht­und­acht­zig war
Franck kein Riese, aber irgend­wie schwebte er doch über der
Menge. Wie viel würde ihm der heu­tige Tag ein­brin­gen? Wie
viele wür­den ein Par­füm der Marke »vF« kau­fen: von Fran­cken­horst?
»Weißt du«, sagte Franck zu Ste­fa­nie, die einen hal­ben Kopf
tie­fer neben ihm her­stö­ckelte, dass die blon­den Haare hin und
her­wipp­ten, »wir haben da so einen ver­rück­ten Fami­li­en­brauch.
Wenn der älteste Sohn drei­ßig Jahre alt wird, erhält er
Zugriff auf zehn Pro­zent des Fami­li­en­ver­mö­gens.«
»Ja, schön, wenn Fami­lien zusam­men­hal­ten. Wir tref­fen uns
auch immer an Weih­nach­ten.«
»Du ver­stehst das nicht. Ich bin der älteste Sohn. Ich werde
mor­gen drei­ßig Jahre alt. Ich bekomme die zehn Pro­zent.«
»Herz­li­chen Glück­wunsch. Aber was willst du mit zehn
Pro­zent? Du hast mir doch gesagt, du wärst reich.«
»Ich bin reich. Schon immer.«
»Ist ja gut. Musst dich nicht auf­re­gen.«
»Ich rege mich nicht auf. Ich möchte nur, dass du es begreifst.«
»Was soll ich begrei­fen?«
»Dass mir ab mor­gen hun­dert Mil­lio­nen gehö­ren.«
»Hun­dert Mil­lio­nen von was?«
»Euro.«
»He, das ist eine Menge Geld.«
»Ja, das ist eine Menge Geld. Und eine Menge Macht.«
Ste­fa­nie lachte. »Macht doch nix. Ich meine, ich mache mir
nichts aus Macht. Mit ein biss­chen Geld bin ich schon zufrie­den.
Hast du deine Freunde zum Geburts­tag ein­ge­la­den? Gibst
du eine Party? Du hast mir gar nichts erzählt.«
»Wer reich ist, braucht keine Freunde«, sagte Franck.
»Wer reich ist, hat keine Freunde«, gab Ste­fa­nie zurück.
Sie blieb vor einer Bou­tique ste­hen, prüfte ihre schlanke Figur
in einem Spie­gel, war zufrie­den mit dem, was sie sah, und
zupfte Franck schließ­lich am Arm. »Schau, das Kleid. Kauf mir
das Kleid! Das kleine Schwarze. Zur Feier des Tages.«
Franck ging wort­los in den Laden, legte einen Fünf­hun­der­t­eu­ro­schein
auf die Theke, zeigte auf Ste­fa­nie und das Kleid im
Schau­fens­ter. »Geben Sie ihr das.«
»Ich geh schon mal vor ins Campi«, sagte er zu Ste­fa­nie und
ver­schwand.
»Ist gut. Ich komm nach. Aber das kann dau­ern, wenn ich
shoppe. Bekommst du von dem Geld was zurück?«
Franck hörte Ste­fa­nies Worte schon gar nicht mehr und ver­schwand
durch die Glas­tür nach drau­ßen in den Men­schen­strom
der Köl­ner Fuß­gän­ger­zone. Eigent­lich hatte er sich nie
wirk­lich für das Geschäft inter­es­siert. Aber ab mor­gen wür­den
ihm zehn Pro­zent des Unter­neh­mens gehö­ren. Da konnte
es nicht scha­den, sich ein wenig zu kümmern.

Franck wusste, dass eine ihrer Ver­kaufs­stel­len am Ron­cal­li­platz
direkt am Köl­ner Dom lag. Da kauf­ten vor allem Tou­ris­ten
ein, Eau de Colo­gne aus Köln. »4711«, die bekannte
Marke, war nach man­chen Irrun­gen durch die halbe Welt inzwi­schen
von einem Stol­ber­ger Unter­neh­men über­nom­men
wor­den. »Farina gegen­über«, der drei­hun­dert Jahre alte Klas­si­ker,
war geschäft­lich keine ernst­hafte Kon­kur­renz. Nur
den Fran­cken­horsts war es gelun­gen, ihre Marke als »Pre­mium
« zu eta­blie­ren. Alter Adel, alte Klasse eben. Das lie­ßen
sich die Kun­din­nen gerne etwas mehr kos­ten. Ihm sollte es
recht sein.
Er ließ das Campi im Funk­haus am Wall­raf­platz links lie­gen
und ging die weni­gen Schritte wei­ter bis zum Ron­cal­li­platz.
Ein hef­ti­ger Wind­stoß wehte ihm ins Gesicht.
Der Franckenhorst-Shop neben dem Dom-Hotel war men­schen­leer.
Franck wun­derte sich. Eine Bedie­nung, in das Franckenhorst’sche
Blau und Orange geklei­det, schaute in seine
Rich­tung, sprach ihn aber nicht an. Er mus­terte die Aus­la­gen.
Kleine Fläsch­chen mit glän­zen­den Flüs­sig­kei­ten, edel ver­packt,
edel gestal­tet. Das sah alles sehr gut aus. Und es roch gut. Warum
kaufte das kei­ner? Und warum wollte ihm kei­ner etwas
ver­kau­fen?
»Sie haben heute wohl nicht vor, noch zu arbei­ten«, gif­tete
er die Bedie­nung an und erschrak selbst über sei­nen Ton­fall.
»Mein Herr, es ist nicht üblich im Hause Fran­cken­horst,
die Kun­den als Erste anzu­spre­chen. Unser Auf­trag ist es abzu­war­ten,
ob unsere Dienste gewünscht wer­den. Kann ich Ihnen
behilf­lich sein?«
Franck glaubte, im Unter­ton eine Spur von Miss­bil­li­gung
zu hören, aber eigent­lich konnte er der jun­gen Frau nichts
vor­wer­fen. Und das ärgerte ihn fast noch mehr.
»Ich habe nicht end­los Zeit. Ich suche etwas für meine Ver­lobte.«
»Darf ich Ihnen einen Rat geben?«
»Danach habe ich Sie doch gerade gefragt.«
»Sie soll­ten sich immer Zeit neh­men, wenn es um Ihre Ver­lobte
geht.«
Franck war baff. Das hatte er nicht erwar­tet. Und er ging
wie­der in Angriffs­stel­lung. »Was fällt Ihnen ein!«
»Ent­schul­di­gen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe tre­ten.
Es war nur gut gemeint. Neh­men Sie ›vF femme‹, das ist in
die­sem Jahr ganz groß in Mode und wird Ihrer Ver­lob­ten ganz
bestimmt gefal­len.«
Die junge Frau holte ein klei­nes Paket aus dem Regal, das
sehr auf­wen­dig ver­packt war.
»Haben Sie nichts Grö­ße­res?«, fragte Franck.
»Doch, natür­lich. Aber diese Größe hier ist sehr gefragt.
Neun­und­acht­zig Euro.«
»Geben Sie schon her. Wie hei­ßen Sie eigent­lich?«
»Chris­tina. Chris­tina Brandt.« Dabei zeigte sie auf das Namens­schild
an ihrer Jacke.
»Ja, jetzt sehe ich es. Chris­tina Brandt. Noch eine Frage:
Wieso ist es hier heute so leer? In der Hohe Straße drän­gen sich
die Mas­sen.«
Chris­tina lächelte ihn an. »Wis­sen Sie, was wir hier anbie­ten,
ist auch keine Mas­sen­ware. Wer hier ein­kauft, sucht das
Beson­dere und kei­nen Ramsch. Ihre Ver­lobte wird das zu
schät­zen wis­sen.«
Franck fühlte sich plötz­lich und wie so oft klein und unsi­cher.
Diese Frau machte ihn ner­vös. Warum war er nicht so
schlag­fer­tig wie andere? Warum zog er immer den Kür­ze­ren?
Wieso kam er sich so unbe­deu­tend die­ser Ange­stell­ten gegen­über
vor, der er sogar etwas von einer Ver­lob­ten vor­ge­lo­gen
hatte? Wenn er doch nur einen guten Abgang hin­be­käme. Er
gab ihr seine Kre­dit­karte.
»Oh, Sie hei­ßen Fran­cken­horst. Franck von Fran­cken­horst.«
»Ja«, sagte Franck. Und plötz­lich spürte er, wie die­ses kleine
Stück Plas­tik die Lage zu sei­nen Guns­ten ver­än­derte. Chris­ti­nas
Hand zit­terte, als sie die Karte in das Lese­ge­rät steckte.
»Der Name ist nicht so häu­fig. Sind Sie …«
»Ja. Ich bin einer von den Fran­cken­horsts.«
»Sie neh­men mir doch nicht übel, was ich vor­hin gesagt habe?«
»Was haben Sie denn gesagt?«
»Das mit Ihrer Ver­lob­ten, und dass Sie sich Zeit neh­men
soll­ten.«
»Zeit ist Geld, sagt mein Vater immer.«
»Nein, Zeit ist Liebe«, sagte Chris­tina.
Franck schaute ihr in die Augen. Sie hielt sei­nem Blick
stand. Sie war genauso schlank und nicht viel grö­ßer als Ste­fa­nie,
aber mit ihrem kur­zen, schwar­zen Haar doch ein ganz ande­rer
Typ. Er nahm das Par­füm­pa­ket, drückte es ihr in die
Hand und sagte: »Ist für Sie.«
Und noch ehe sie etwas ant­wor­ten konnte, ver­schwand er
Rich­tung Aus­gang. Durch einen Spie­gel an der Laden­tür sah
er, wie sie ihm nach­schaute. Am Ende hatte er sie doch beein­druckt.
Oder sein Name. Oder sein Geld. Sie strich sich ihre
Haare aus dem Gesicht und wirkte nachdenklich.

Auf der Dom­platte emp­fing Franck das übli­che Gewirr von
Tou­ris­ten, Gauk­lern, Pflas­ter­ma­lern, Geschäfts­leu­ten, Pil­gern,
Ein­käu­fern, Demons­tran­ten. An der »Kla­ge­mauer« blieb er
ste­hen. Der Betrei­ber war ein lie­bens­wer­ter Que­ru­lant, der
sich ein­fach nicht von die­sem schöns­ten Fleck der Stadt ver­trei­ben
ließ. An Kor­deln hatte er Post­kar­ten auf­ge­hängt, auf
denen jeder seine Kri­tik am Unrecht der Welt ver­kün­den
konnte. Franck nahm sich eine Karte und schrieb in Groß­buch­sta­ben:
»AUCH EIN MIL­LI­AR­DÄRHAT’S SCHWÄR
»Schwär« mit ä und nicht mit e. Das war seine kleine Pro­vo­ka­tion.
Mit einer Wäsche­klam­mer hängte er sein Minia­tur­ge­dicht
zwi­schen eine Karte, die das Ende der Fol­ter in Guan­tá­namo
for­derte, und eine andere, auf der »Hartz IV für alle«
pro­pa­giert wurde. Er warf zwei Euro in die Spen­den­büchse
und ging wei­ter auf den Ron­cal­li­platz, um den Ska­tern zuzu­se­hen.
Er war ziem­lich sport­lich, ein guter Ten­nis­spie­ler, Schwim­mer,
Läu­fer. Aber Skate­board fah­ren konnte er ein­fach nicht.
Da gab es hier im Schat­ten der Kathe­drale sogar Zwölf­jäh­rige,
die die tolls­ten Kunst­stü­cke drauf­hat­ten. Man durfte nicht
schreck­haft sein, wenn sie auf einen zuras­ten, aber Franck hatte
noch nie erlebt, dass einer der Ska­ter wirk­lich jeman­den ange­fah­ren
hätte.
Er ging am Dom-Hotel vor­bei Rich­tung Brau­haus Früh
und Hein­zel­männ­chen­brun­nen. Wenn er den Weg zur Hohe
Straße durch die Pas­sage neh­men würde, dann müsste er nicht
mehr am Campi vor­bei. Er hatte keine Lust auf wei­tere Gesprä­che
mit Ste­fa­nie. Sie war lieb und nett und ein­fach zu haben.
Immer gut gelaunt. Immer da. Ein wun­der­ba­res Spiel­zeug.
Wohin sollte er gehen? Fast mecha­nisch führ­ten ihn seine
Schritte rechts in die Mino­ri­ten­straße, über die Nord-Süd-
Fahrt in die Breite Straße, wie­der eine Fuß­gän­ger­zone, aber
nicht ganz so über­füllt.
Die Gast­wirte hat­ten begon­nen, ihre Tische und Stühle
nach drau­ßen zu stel­len. Sobald sich in Köln die Sonne sehen
ließ, ver­sam­mel­ten sich die Men­schen auf den Stra­ßen und
Plät­zen. Ob das etwas mit der römi­schen Ver­gan­gen­heit der
Stadt zu tun hatte? Der Win­ter war ver­gleichs­weise kalt und
nass gewe­sen. Die viel­be­schwo­rene Kli­ma­ver­än­de­rung war
über­ra­schen­der­weise für eine Sai­son aus­ge­fal­len. Franck hatte
den Win­ter in Süd­afrika ver­bracht, der dort ein Som­mer war.
Aber auch er freute sich jetzt über den rhei­ni­schen Früh­ling.
Und außer­dem: Der Früh­ling war ja seine Jah­res­zeit. Er hatte
Geburts­tag. Und mor­gen würde er reich sein. Rei­cher als jemals
zuvor.
Sein Vater hatte ihm ein­mal erzählt, wie er sei­nen drei­ßigs­ten
Geburts­tag erlebt hatte. Die zehn Pro­zent waren damals
noch keine hun­dert Mil­lio­nen Euro, son­dern sech­zig Mil­lio­nen
Mark. Die Fran­cken­horsts gehör­ten auch noch nicht zu den
Mil­li­ar­dä­ren im Lande, aber schon zu den sehr Rei­chen. Vor allem
war es »altes« Geld. Das war etwas ande­res als die schnell
ver­diente Mark der Krä­mer und Com­pu­ter­un­ter­neh­mer.
Opa Fritz hatte zu Ehren von Fer­di­nand eine kom­plette
Vor­stel­lung der Köl­ner Oper am Offen­bach­platz gekauft.
Warum aus­ge­rech­net »Car­men« auf dem Spiel­plan stand, hatte
Fer­di­nand nie erfah­ren. Aber die Musik gefiel ihm, und als
der letzte Vor­hang gefal­len war und die Künst­ler ihren Bei­fall
genos­sen, trat Fritz auf die Bühne, einen blau-orangefarbenen
Umschlag in der Hand, und rief Fer­di­nand hoch ins Ram­pen­licht.
Er sei stolz und auf­ge­regt gewe­sen. Und als er end­lich
oben war und den Umschlag neh­men wollte, da warf Fritz das
Papier der Carmen-Darstellerin zu und for­derte Fer­di­nand
auf, es sich zu holen. Der ganze Saal lachte, als Ferdi sich eher
schüch­tern und unge­schickt an Car­men ran­machte, die den
Umschlag in ihrem Dekol­leté ver­steckt hatte, eine Grenze, die
Ferdi auf kei­nen Fall über­schrei­ten wollte. Das Lachen im
Saal wurde immer lau­ter. Car­men hatte end­lich ein Ein­se­hen,
fin­gerte das Papier aus ihrem Busen her­vor und über­reichte es
Fer­di­nand. »Weißt du, Franck, es war ein schreck­li­cher Abend.
Ich fühlte mich so gede­mü­tigt. Mein Vater hat sich nie dafür
ent­schul­digt. Aber ich hatte das Papier. Und ich wusste:
Jetzt, jetzt würde mich nie­mand mehr demü­ti­gen, ohne es zu
bereuen.«
Was würde sich Fer­di­nand für ihn aus­den­ken? Musste er
sich auch auf irgend­ei­nen Spaß oder eine Demü­ti­gung gefasst
machen? Franck wusste, dass Fer­di­nand nicht viel von ihm
hielt. Er hatte weder Che­mie noch Betriebs­wirt­schaft stu­diert,
son­dern Phi­lo­so­phie und Ger­ma­nis­tik. »Brot­lose Kunst«, hatte
Fer­di­nand dazu immer gesagt. Die Fran­cken­horsts hät­ten
eine beson­dere Ver­ant­wor­tung, und ganz beson­ders die ältes­ten
Söhne, die müss­ten schließ­lich das Fami­li­en­un­ter­neh­men
füh­ren.
Franck hatte nie wirk­lich Lust ver­spürt, in die Firma ein­zu­stei­gen.
Gun­ther, sein jün­ge­rer Bru­der, die Zweit­ge­bo­re­nen beka­men
immer einen Namen mit G, die Dritt­ge­bo­re­nen mit H
und so wei­ter, Gun­ther wäre wahr­schein­lich viel bes­ser geeig­net.
Gun­ther arbei­tete als selbst­stän­di­ger Steu­er­be­ra­ter mit
eige­ner Kanz­lei. Aber Franck als der älteste Sohn war nun ein­mal
der gebo­rene Thron­fol­ger, so lau­tete die Regel bei den
Fran­cken­horsts seit sie­ben Gene­ra­tio­nen. Und hatte sich die
Tra­di­tion nicht bewährt? Sogar den Ansturm der Eman­zi­pa­tion
hatte sie über­stan­den. Immer­hin wur­den die weib­li­chen
Fami­li­en­mit­glie­der seit den acht­zi­ger Jah­ren des let­zen Jahr­hun­derts
finan­zi­ell genauso gestellt wie die übri­gen männ­li­chen
Fami­li­en­mit­glie­der. Aber etwas zu sagen hat­ten wei­ter­hin nur
die erst­ge­bo­re­nen Män­ner jeder Fami­li­en­ge­ne­ra­tion. Wenn ein
ältes­ter Sohn drei­ßig wurde, bekam er zehn Pro­zent der Un-
ter­neh­mens­an­teile. Wenn er fünf­zig wurde, erhielt er fünf­zig
Pro­zent und über­nahm die Unter­neh­mens­füh­rung. Der bis­he­rige
Chef wurde dann auf zwan­zig Pro­zent abge­stuft und wech­selte
in den Auf­sichts­rat. Die rest­li­chen zwan­zig Pro­zent wur-
den unter allen ande­ren Fami­li­en­mit­glie­dern gleich­mä­ßig auf­ge­teilt.
Fer­di­nand, Francks Vater, war jetzt neun­und­fünf­zig,
also seit neun Jah­ren an der Macht, die er nach den Fami­li­en­re­geln
wei­tere zwan­zig Jahre aus­üben könnte, bis Franck fünf­zig
Jahre alt würde und an die Reihe käme. Tat­säch­lich waren
die Fran­cken­horsts ein sehr gesun­des Geschlecht, auch die Män­ner
erreich­ten nicht sel­ten die acht­zig Jahre. Erst zwei­mal war
es vor­ge­kom­men, dass ein Fran­cken­horst vor sei­nem fünf­zigs­ten
Geburts­tag die Fir­men­lei­tung über­neh­men musste, weil
sein Vater vor­zei­tig gestor­ben war.

Franck über­querte die Neven-DuMont-Straße, die die Fuß­gän­ger­zone
der Breite Straße unter­brach. Auf der Ecke stand
das Einkaufs-Carré des Ver­le­gers. Franck kannte den Junior
gut, natür­lich. Der hatte ihn mal für seine »Gol­de­nen Jungs«
wer­ben wol­len. Franck hatte eine groß­zü­gige Spende gege­ben,
aber dem Club der Jung­rei­chen war er nicht beige­tre­ten.
Wahr­schein­lich hiel­ten ihn Junior und seine Anhän­ger für ein­ge­bil­det,
sei’s drum.
Am Blu­men­stand hin­ter dem Café Schmitz kaufte er eine
rote Rose und steckte sich die Blüte an das Revers sei­nes hel­len
Anzugs. Schließ­lich hatte er etwas zu fei­ern. Und er wollte,
dass die Welt es sah. Und warum keine rote Rose? Durfte
man die nur geschenkt bekom­men?
Franck ging wei­ter, sein Schritt war etwas federn­der als zuvor.
Zwi­schen den Augen­win­keln nahm er undeut­lich wahr,
dass die Men­schen­menge einen Bogen um eine Stelle vor den
Karstadt-Schaufenstern machte. Da schien jemand auf dem
Boden zu sit­zen, zwei Män­ner, wahr­schein­lich Bett­ler, die Fla­sche
kreiste. Franck mar­schierte gedan­ken­ver­lo­ren auf das Pär­chen
zu, hielt unbe­wusst einen Sicher­heits­ab­stand von viel­leicht
fünf­zig Zen­ti­me­tern zu dem Hut, in den die Pas­san­ten
ihre Geld­stü­cke wer­fen soll­ten. Der Hut schien leer zu sein.
Franck hatte nicht die Absicht, an die­sem Zustand etwas zu
ändern.
Plötz­lich peitschte ein Schmerz durch seine linke Wade, irgend­et­was
hatte ihn mit vol­ler Wucht getrof­fen, Franck knick-
te ein, fiel auf den Boden, knallte mit dem Gesicht in eine Pfütze
aus Schmutz und Alko­hol. Noch ehe er begriff, was geschah,
schrie einer der Bett­ler wie am Spieß: »Hilfe, Poli­zei.
Der hat mich getre­ten. Was fällt Ihnen ein, mich zu tre­ten!
Mich, einen Krüp­pel! So sind sie, die fei­nen Leute.«
Franck spürte, wie ihn kräf­tige Arme schüt­tel­ten und
schließ­lich umdreh­ten. Und dann sah er in ein unra­sier­tes Gesicht,
und aus die­sem Gesicht schrie es wie­der: »Ja, genau. Sie
meine ich. Sie den­ken wohl, Sie könn­ten sich alles erlau­ben.
Nur weil Sie einen Anzug tra­gen. Ich zeige Sie an. Hilfe! Poli­zei!
Ruf doch mal einer die Poli­zei!«
Die letz­ten Worte rich­tete der Bett­ler an die umste­hen­den
Gaf­fer, die sich im Kreis um Franck und die bei­den Pen­ner
dräng­ten. Franck spürte, wie ihm Blut in die Mund­win­kel lief.
Instink­tiv wischte er sich mit dem Ärmel sei­nes Jacketts durchs
Gesicht, was des­sen hel­les Beige mit roten und ande­ren unde­fi­nier­ba­ren
Farb­tö­nen mischte.
»Hilfe, Poli­zei!«, brüllte der Bett­ler schon wie­der. Franck
sah, dass er nur ein Bein hatte.
»Schreien Sie doch nicht so«, sagte er.
»Ich schreie hier, so laut ich kann. Das könnte Ihnen so
pas­sen. Erst einen armen Krüp­pel tre­ten, einen ein­bei­ni­gen
Krüp­pel, und dann auch noch mund­tot machen wol­len. Holt
denn jetzt end­lich einer die Poli­zei?«
Natür­lich holte kei­ner die Poli­zei. Einige Gaf­fer dreh­ten
ab, nach­dem sie sich über­zeugt hat­ten, dass Franck über­lebt
hatte und auch kein wei­te­res Blut flie­ßen würde. Andere war­te­ten
gespannt, wie sich die Geschichte wei­ter­ent­wi­ckeln würde,
wenn sie nur nicht selbst hin­ein­ge­zo­gen wür­den.
Franck fand lang­sam seine Fas­sung wie­der. »Las­sen Sie mich
doch end­lich los! Lass mich los!«
Der Bett­ler lockerte sei­nen Griff. »Das ist aber wirk­lich
nicht in Ord­nung, dass Sie mich hier ein­fach umlau­fen.«
»Das habe ich nicht. Das habe ich nicht … gewollt«, stam­melte
Franck. »Ich hatte eher den Ein­druck, dass Sie mir ein
Bein gestellt haben.«
»Ich soll dir ein Bein gestellt haben?«, sagte der Bett­ler empört
und wurde wie­der laut. »Das muss man sich mal vor­stel­len.
So eine Unver­schämt­heit.« Und jetzt schrie er wie­der:
»Ich soll dich getre­ten haben? Ich, ein Krüp­pel mit einem Bein.
Erzähl das mal der Poli­zei.«
Plötz­lich mischte sich auch der Kum­pel des Bett­lers ein. Der
war deut­lich alko­ho­li­siert und nuschelte: »Dä Schäng, dä tritt
nich. Nie. Jeht doch jar nit. Armes Schwein.«
»Tja, dann«, sagte Franck, »ent­schul­dige ich mich bei Ihnen.
Ich war in Gedan­ken. Da habe ich Sie viel­leicht nicht gese­hen.«
Der Ein­bei­nige lockerte sei­nen Griff. »Ent­schul­di­gung ist
schon mal gut. Geht viel­leicht auch ohne Poli­zei.«
»Was geht viel­leicht auch ohne Poli­zei?«
»Na, das hier. Oder wol­len Sie Unfall­flucht bege­hen?«
»Unfall­flucht?«
»Sie kön­nen hier nicht ein­fach weg. Ich brau­che Name,
Adresse.«
»Name, Adresse?«
»Ja, sicher. Für den Scha­den­er­satz.«
»Wel­chen Scha­den­er­satz?«
»Na, meine Ver­let­zun­gen. Hier!« Der Bett­ler zeigte auf sei­nen
Knö­chel, der Fuß steckte ohne Strümpfe in zer­schlis­se­nen
Schu­hen. »Die blauen Fle­cken brin­gen min­des­tens, min­des­tens
«, er schaute sich Franck noch ein­mal genauer an, »min­des­tens
drei­ßig, nein, fünf­zig Euro. Und dann noch die Ver­let­zung
der Men­schen­würde.«
»Ver­let­zung der Men­schen­würde«, wie­der­holte Franck ver­blüfft.
»Ja. Ver­let­zung der Men­schen­würde. Macht noch mal fünf­zig
Euro.«
»Sie ver­kau­fen Ihre Men­schen­würde zu bil­lig«, sagte Franck.
»Aber Sie sol­len die hun­dert Euro bekom­men. Geben Sie mir
Name und Kon­to­num­mer, dann über­weise ich Ihnen das
Geld.«
Der ein­bei­nige Bett­ler schaute in die Menge. »Name und
Kon­to­num­mer, meine Damen und Her­ren. Haben Sie das gehört:
Name und Kon­to­num­mer. Wo soll ich denn so was her­neh­men?
Name und Kon­to­num­mer! Nix da, Bar­geld lacht.«
Die Menge feixte und applau­dierte. Franck gelang es end­lich
auf­zu­ste­hen. Sein Spie­gel­bild, das ihn aus dem Karstadt-
Schau­fens­ter anblickte, wirkte nicht sehr ver­trau­ens­wür­dig.
Er holte sein Porte­mon­naie her­aus. »Ich habe nur zwan­zig Euro
in bar und ein paar Mün­zen.«
»Scheck­karte dabei?«
»Sie mei­nen, Sie neh­men auch Scheck­kar­ten?«
»Nein. Das wäre ja noch schö­ner. Da vorne ist ein Geld­au­to­mat.
Karte rein. Hun­dert Euro raus und an mich wei­ter­lei­ten.
Ich stelle Ihnen auch gerne eine Quit­tung aus. Damit alles
seine Ord­nung hat.«
Die Menge teilte sich wie das Was­ser des Roten Mee­res vor
Moses, damit Franck unge­hin­dert an den Geld­au­to­ma­ten gelan­gen
konnte. Der Ein­bei­nige stützte sich auf seine Krü­cken
und eskor­tierte ihn. Franck ließ sich drei­hun­dert Euro aus­zah­len,
die der Auto­mat in Fünfzig-Euro-Noten aus­spuckte.
»Hier, für Sie«, sagte Franck und gab dem Ein­bei­ni­gen einen
Schein.
»Das sind fünf­zig Euro.«
»Ja.«
»Ich bekomme hun­dert Euro.«
»Wegen der Men­schen­würde.«
»Ja. Wegen der Men­schen­würde.«
»Wie hei­ßen Sie?«
»Schäng. Haben Sie doch gehört.«
»Schäng?«
»Alle nen­nen mich Schäng. Krüp­pels Schäng.«
»Und wie hei­ßen Sie rich­tig?«
»Jean. Jean Leclerc.«
»Schön, Jean. Hier haben Sie den Rest vom Klein­geld.«
Franck hielt ihm die ande­ren fünf Scheine ent­ge­gen. Jeans
Hand zuckte zurück, dann packte er doch zu, steckte die fünf
Scheine in seine Hemd­ta­sche und schaute sich vor­sich­tig um,
ob auch nie­mand gese­hen hatte, was und wie viel er bekom­men
hatte.
»Quit­tung?«, fragte Jean. Franck schüt­telte den Kopf.
»Ist klar, Chef. Nichts für ungut«, sagte er schließ­lich und
hinkte zurück zu sei­nem Kum­pel. »Karl, sag dem Mann danke.
Der hat uns gerade ein sehr gutes Essen spen­diert«, hörte
Franck Jean noch sagen. Dann zogen die bei­den ab. Den Hut,
der vor ihnen gele­gen hatte, angelte Jean mit Hilfe einer sei­ner
Krü­cken, wir­belte ihn so geschickt durch die Luft, dass er auf
sei­nem Kopf lan­dete, ein Kunst­stück, das Franck zu spon­ta­nem
Applaus ver­an­lasste. Jean fing dabei sogar noch eine
Münze auf, die er an Karl wei­ter­gab, dann zockel­ten die bei­den
ab. Hof­fent­lich trin­ken die sich jetzt nicht zu Tode, dachte
Franck.
Aus der Menge, die sich lang­sam auf­löste, stieg noch eine
Män­ner­stimme auf. »Nichts­nut­zi­ges Pack. Sol­len mal rich­tig
arbei­ten ler­nen.«
Franck ging auf den Rufer zu, einen alten Mann mit klei­nem
Hut: »Ich glaube, Sie sehen da was falsch. Die bei­den haben
gerade sehr hart gear­bei­tet und sehr ordent­lich ver­dient.«
Sein Gegen­über mus­terte Franck von Kopf bis Fuß, schien
nicht erfreut über das, was er sah, und ver­stan­den hatte er auch
nichts. Aber er legte noch ein­mal los. »Und Sie, schauen Sie
sich an, sehen ja sel­ber aus wie ein Pen­ner. Ste­cken wahr­schein­lich
mit denen unter einer Decke.«
Dass er sich umzie­hen musste, so ver­dreckt, wie er inzwi­schen
aus­sah, war nicht von der Hand wei­sen. Aber das ließ er
sich doch nicht von so jeman­dem sagen. Und als ihm nicht sofort
eine schlag­fer­tige Ant­wort ein­fiel, nahm er dem Mann
den Hut vom Kopf, warf ihn vor des­sen Füße, schnippte ein
Geld­stück acht­los hin­ter­her und traf genau in die Kopf­be­de­ckung.
Dann ging er ab, ohne sich umzu­dre­hen, und fühlte sich
rich­tig gut.

Was für ein selt­sa­mer Früh­lings­mor­gen, dachte Franck, als
er die Mit­tel­straße erreichte, wo er sich neu ein­klei­den wollte.
Der Ein­kaufs­bum­mel mit Ste­fa­nie, das Wort­ge­fecht über Zeit
und Liebe mit der Ver­käu­fe­rin Chris­tina Brandt, der Zusam­men­stoß
mit dem ein­bei­ni­gen Bett­ler Krüp­pels Schäng, und
jetzt die­ser Gift­zwerg mit Hut. Dem, wenigs­tens dem hatte er
es gege­ben.
Gift­zwerg mit Hut. Das gefiel ihm. Schade, dass ihm die­ser
Begriff so spät ein­ge­fal­len war, das wäre ein guter ver­ba­ler
Kon­ter gewe­sen. Aber die Aktion mit dem flie­gen­den Hut und
der Spende war auch nicht schlecht. Müs­sen Hüte eigent­lich so
häss­lich sein? Er kannte über­haupt nur einen Men­schen, der
regel­mä­ßig Hut trug, Benno, den Maler. Des­sen Hüte waren
sehr schick. Im Som­mer schmückte er sich mit einem Stroh­hut.
Und was trug er im Win­ter? Franck nahm sich vor, Benno bei
Gele­gen­heit aus­zu­fra­gen.
Beim Her­ren­aus­stat­ter wun­derte man sich nicht schlecht
über Francks Auf­zug. »Sind Sie über­fal­len wor­den? Sol­len wir
die Poli­zei rufen? Es wird ja lei­der immer schlim­mer mit der
Kri­mi­na­li­tät«, erei­ferte sich der Geschäfts­füh­rer.
»Nein, nein. Nichts pas­siert. Ich bin aus­ge­rutscht. Ich brau­che
nur etwas zum Anzie­hen. Sie haben doch meine Maße.
Wäsche, Hemd, Hose, Jackett. Das ist alles.«
»Herr von Fran­cken­horst, Sie tra­gen maß­ge­schnei­dert, da
kön­nen wir doch nicht von der Stange.«
»Sie mei­nen, dass ich nackt …« Franck hatte begon­nen, sich
mit­ten im Laden aus­zu­klei­den.
»Natür­lich nicht. Aber wenn Sie dann bitte mit nach hin­ten
kom­men wol­len.«
Es dau­erte keine zwan­zig Minu­ten, dann war Franck von
Kopf bis Fuß neu ein­ge­klei­det und der Geschäfts­füh­rer einem
Ner­ven­zu­sam­men­bruch nahe. Jeden Stil-Ratschlag hatte
Franck brüsk abge­lehnt und genau das Gegen­teil genom­men.
Zur schwar­zen Hose braune Schuhe und weiße Socken. Oben­rum
ein Pepita-Jackett und ein hell­blaues Hemd. Statt einer
Kra­watte ein rosa Sei­den­tuch. Und als er zum Schluss noch
nach einem Hut fragte, war der Geschäfts­füh­rer sicht­lich froh,
sagen zu kön­nen: »Hüte füh­ren wir nicht.«
Franck drehte sich vor dem Spie­gel und gefiel sich. So wür-
de er mor­gen zu sei­ner Inthro­ni­sie­rung erschei­nen. Er stellte
sich das ent­setzte Gesicht sei­nes Vaters vor und spürte Genug­tu­ung.
Sein Vater würde mit Sicher­heit noch ent­setz­ter rea­gie­ren
als der Her­ren­aus­stat­ter, der noch ein­mal nach­fragte: »Und
Ihnen fehlt ganz bestimmt nichts? Soll ich nicht viel­leicht doch
die Poli­zei rufen? Oder den Kran­ken­wa­gen?«
»Nein, nein. Alles in bes­ter Ord­nung. Es wäre nur schön,
wenn Sie meine alten Sachen rei­ni­gen und mir nach Hause
schi­cken würden.«

Franck schaute auf die Uhr. Es war Vier­tel nach sie­ben Uhr
abends. Noch knapp zwan­zig Stun­den, dann würde er Herr
über hun­dert Mil­lio­nen Euro sein.
Er saß mit Ste­fa­nie am klei­nen Tisch im Ess­zim­mer sei­nes
Pent­house am Brüs­se­ler Platz. Ste­fa­nie trug das kleine Schwarze,
das sie sich am Mor­gen aus­ge­sucht hatte. Franck trug seine
Lange-Tourbillon und sonst nichts.
Ste­fa­nie hatte ihn aus­ge­lacht, als er mit sei­ner bun­ten Herrenausstatter-
Samm­lung zu Hause erschie­nen war. Dann zerrte
sie ihn vor den Spie­gel, und da packte auch ihn der Lach­krampf.
Aus dem Radio erklang »Sex Bomb« von Tom Jones,
Franck nahm den Rhyth­mus auf und begann den ers­ten Strip­tease
sei­nes Lebens. Erst ent­le­digte er sich des rosa Sei­den­tuchs,
sah das offene Fens­ter und ließ es in die Früh­lings­luft
hin­aus­flat­tern. Die ver­irr­ten Papa­geien in den Bäu­men rund
um St. Michael kom­men­tier­ten das Spek­ta­kel mit lau­tem Gejohle.
Das Pepita-Jackett lan­dete auf einer Bank, das blaue
Hemd ver­fing sich in einem Ast, die schwarze Hose und die
brau­nen Schuhe lan­de­ten in einem Papier­korb, die wei­ßen Socken
fing ein klei­ner Junge auf, der seine Kame­ra­den zusam­men­trom­melte.
Die kleine Schar war ent­täuscht, als zunächst
nur noch eine Unter­hose vom Dach her­ab­flat­terte. Jeden­falls
sam­mel­ten sie alle Klei­dungs­stü­cke ein, nur das blaue Hemd
flat­terte wei­ter im Abend­wind.
»Und jetzt du«, sagte Franck zu Ste­fa­nie.
»Was meinst du?«, fragte sie.
»Jetzt wirfst du deine Klei­der raus. Die Menge war­tet.«
Ste­fa­nie lachte, als sie die Jungs unten ste­hen sah. »Ja, ich
mach’s. Aber das kleine Schwarze behalte ich.«
Ste­fa­nie zog das kleine Schwarze aus und legte es vor­sich­tig
auf einen Stuhl. Dann trat sie an die Brüs­tung, winkte, streifte
ihren BH ab und warf ihn auf den Platz, wo die Jungs ganz still
gewor­den waren und die Köpfe nach oben reck­ten. Ste­fa­nie
ließ den Slip hin­ab­flat­tern und die Sei­den­strümpfe. Und sogar
die Stö­ckel­schuhe warf sie run­ter. Als sie völ­lig nackt war, drehte
sie sich drei­mal lang­sam um sich selbst und ver­schwand lachend
im Zim­mer.
Franck sah ihr erregt zu. Ste­fa­nie war eine schöné Frau.
Lei­der liebte er sie nicht. Wusste er über­haupt, was Liebe war?
Zeit ist Liebe, hatte diese Ver­käu­fe­rin zu ihm gesagt. Chris­tina
Brandt. Warum dachte er jetzt an sie, wo Ste­fa­nie sich gerade
für ihn aus­ge­zo­gen hatte? Ste­fa­nie zog sich das kleine Schwarze
über und setzte sich zu Franck an den Tisch.
»Und jetzt?«, fragte sie und sah ihn mit gro­ßen Augen an.
Ihr Kleid war tief aus­ge­schnit­ten, und die­ser Anblick ero­ti­sierte
Franck mehr als ihre Show auf der Ter­rasse.
»Lass uns die Armut fei­ern, solange es sie noch gibt.«
Franck nahm sein Cham­pa­gner­glas und pros­tete Ste­fa­nie
zu.
Sie hatte wohl etwas ande­res erwar­tet, aber auch sie nahm
ihr Glas und trank einen Schluck. »Was hast du dir nur mit
dei­nem bun­ten Out­fit gedacht? Män­ner soll­ten nie ohne Frauen
ein­kau­fen gehen.«
»Ich wollte mei­nen Vater ärgern.«
»Und dafür machst du dich zum Clown? So wird das
nichts.«
Ste­fa­nie stand auf und beäugte Franck. »Du bist grö­ßer als
dein Vater. Du siehst bes­ser aus. Wo ist das Pro­blem?«
»Mein Vater ist rei­cher als ich, skru­pel­lo­ser, geschäfts­tüch­ti­ger.
Er hält nichts von mir.«
»Warum sollte er auch. Du bist kein Geg­ner für ihn. Du
bist sein Sohn.«
»Was soll das jetzt hei­ßen?«
»Väter wol­len immer, dass ihre Söhne alles das leis­ten, was
sie selbst nicht geschafft haben. Sei groß, sei schön, sei ele­gant.
Und dann, dann greifst du an.«
»Warum sollte ich angrei­fen? Wo soll ich angrei­fen?«
»Warum? Was weiß ich. Ich sehe nur, dass er dich nervt und
ver­rückt macht. Wenn du das Spiel mit­spie­len willst, dann spiel
es. Sonst nimm deine Mil­lio­nen, die die du jetzt schon hast,
und ent­führ mich auf eine ein­same Insel.«
»Du meinst, ich wäre reif für die Insel?«
»Du benimmst dich wenigs­tens so.«
Sie lachte und zupfte ihn vor­sich­tig an den Haa­ren. Franck
wehrte sie ab.
»Ste­fa­nie?«
»Ja.«
»Ich liebe dich nicht.«
»Ich weiß.«
»Und es macht dir nichts aus?«
»Doch. Aber nicht wirk­lich.«
»Wie meinst du das?«
»Du kannst nichts dafür. Du weißt gar nicht, was das ist,
Liebe. Du weißt ja nicht mal, was Freund­schaft ist.«
»Ich brau­che keine Freunde.«
»Jeder braucht Freunde. Du hast keine Freunde. Bekannte,
ja. Viele. Man­che, die auf dein Geld aus sind. Man­che, die es toll
fin­den, die Tele­fon­num­mer von Franck von Fran­cken­horst zu
ken­nen. Schmeich­ler. Schma­rot­zer. Alles, was man kau­fen kann
oder am bes­ten nicht kau­fen sollte. Du hast keine Freunde,
aber du hast mich.«
»Zu wel­cher Kate­go­rie zählst du dich denn?«
»Zu den Men­schen. Ein­fach zu den Men­schen.«
»Und du willst gar nichts von mir?«
»Doch, natür­lich will ich was. Ich will, dass du mich begehrst.
Ich will dein Geld. Das ist prak­tisch für mich, und dir
tut es nicht weh. In Geld­din­gen bist du sogar groß­zü­gig. Das
Leben mit dir ist immer für Über­ra­schun­gen gut. Ich liebe
Über­ra­schun­gen. Und ich sehe immer­hin, dass du auf der Suche
bist. Nach Men­schen. Viel­leicht sogar nach dem Men­schen
in dir.«
»Ich begehre dich.«
»Das will ich schwer hof­fen.«
»Ich will mit dir schla­fen.«
Ste­fa­nie lachte und zog ihn ins Schlafzimmer.

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No Comments » for Millionenallee” - Leseprobe
1 Pings/Trackbacks for "Millionenallee” - Leseprobe"
  1. mybeautycar.ru…

    А на Украине так не делают… Этим Русский и не похож на Хохла!…

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