Kölns “Meistersinger” als Casting-Show

Fast sechs Stun­den “Meis­ter­sin­ger”: Mit Wag­ners Mammut-Oper lei­tete Kölns neuer Inten­dant Uwe Eric Lau­fen­berg am 20. Sep­tem­ber 2009 seine erste Spiel­zeit ein. Das Publi­kum lohnte es mit sehr gro­ßem Beifall.

Lau­fen­bergs Kon­zept, der Inten­dant führte in sei­ner ers­ten Pre­mière auch Regie, ist klar erkenn­bar: Er will die Köl­ner zurück in die Oper holen, nicht nur irgend­wo­hin, son­dern zurück in den Riphan-Bau am Offenbach-Platz, der nach die­ser Spiel­zeit reno­viert wer­den und drei Jahre spä­ter in neuem Glanz auf­er­ste­hen soll. Er will zei­gen, dass Oper nicht nur ein Relikt aus alter Zeit für kon­ser­va­tive Eli­ten sein muss, son­dern dass Oper auch heute etwas zu sagen hat und “Oper für alle” sein kann. Das ver­mit­telt er zum Glück nicht mit erho­be­nem Zei­ge­fin­ger, son­dern schlüs­sig und teil­weise sogar humorvoll.

Den 1. Akt lässt Lau­fen­berg im Mit­tel­al­ter spie­len, in der Zeit also, in der der Stoff ange­sie­delt ist. Aber den Stolzing, der als Frem­der in die Gilde der Meis­ter­sän­ger ein­dringt, lässt Lau­fen­berg in der Klei­dung des 20. Jahr­hun­derts aus dem Par­kett auf die Bühne stei­gen, das Foto-Handy immer griff­be­reit. Die Dar­stel­lung auf der Bühne bleibt aber ganz kon­ser­va­tiv, dass sogar alte Bayreuth-Besucher in der Pause schwär­men: “End­lich mal keine Mätzchen.”

Den 2. Akt sie­delt Lau­fen­berg im 19. Jahr­hun­dert an, in der Zeit, in der Wag­ner die Oper geschrie­ben hat. Eine Prü­ge­lei endet als Blut­bad hin­ter Bar­ri­ka­den, eine Anspie­lung auf die Revo­lu­tion von 1848.

Den 3. Akt ver­legt Lau­fen­berg ins 20. Jahr­hun­dert nach Köln, zunächst in die 50er-Jahre mit Video- und Foto-Rückblicken auf die kriegs­zer­störte Stadt Köln und die Nazi-Zeit (die “Meis­ter­sin­ger” gehör­ten zur Insze­nie­rung der NS-Reichsparteitage in Nürnberg).

Meistersinger: Das Finale

Meis­ter­sin­ger: Das Finale

Die Schluss­szene spielt im heu­ti­gen Köln mit­ten auf dem Offen­bach­platz zwi­schen 4711-Haus und Opern­bau beim Public View­ing einer Casting-Show wie “Deutsch­land sucht den Super­star” gemischt mit Ele­men­ten von Linus “Talent­probe”. Gekrönt wird die Sze­ne­rie - wie bei sol­chen Anläs­sen üblich - von einer gro­ßen Video-Wand, auf der mal das aktu­elle Pro­gramm, mal his­to­ri­sche Auf­nah­men, mal auch ganz pro­fan Wer­be­ein­blen­dun­gen gezeigt wer­den (die sich die Oper nicht bezah­len lässt).

Die­ses letzte Büh­nen­bild über­rascht beson­ders, denn die Zuschauer in der Oper sehen aus der Oper hin­aus auf den Platz vor der Oper, wo das Volk auf die Auf­tritte der Meis­ter­sin­ger war­tet, wäh­rend die Hono­ra­tio­ren vom typi­schen Opernhaus-Balkon ganz wört­lich auf das Trei­ben da unten hinabblicken.

Die Fülle der Video-Anspielungen ver­steht viel­leicht nur, wer den his­to­ri­schen Hin­ter­grund kennt (oder das sehr infor­ma­tive Pro­gramm­heft gele­sen hat), die Schluss-Inszenierung aber der “Meis­ter­sin­ger” als mani­pu­la­tive “Casting-Show” wird sofort ein­sich­tig, vor allem in der “Medi­en­stadt Köln”, in der ja sol­che For­mate wie “Deutsch­land sucht den Super­star” pro­du­ziert werden.

Wenn am Schluss Stolzing, der es nur durch freund­li­che Mani­pu­la­tion auf die Bühne geschafft hat, sein Meis­ter­lied singt, dann flim­mert über ihm gleich das fer­tig pro­du­zierte Kitsch-Video über die Lein­wand. Die­ter Boh­len könnte nei­disch wer­den. In die­sen Sze­nen spürt jeder im Saal aber auch, wie stark sol­che neuen Medien vom Live-Gesang auf der Bühne ablenken.

Ist das der Grund, warum Marco Jentzsch, der Sän­ger des Stolzing, am Ende nicht ganz so gefei­ert wurde wie die ande­ren? Robert Holl als Hans Sachs - die Rolle singt er seit zehn Jah­ren auch in Bay­reuth - wurde gera­dezu fre­ne­tisch beju­belt, aber auch die ande­ren “Meis­ter­sin­ger” wie Bjarni Thor Kris­t­ins­son (als Pogner) und Johan­nes Mar­tin Kränzle(als Beck­mes­ser) wur­den minu­ten­lang beklatscht - wie ver­dien­ter­ma­ßen das gesamte Ensemble.

Das Gürzenich-Orchester unter Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor Mar­kus Stenz war ein bril­lan­ter Beglei­ter, Chor und Extra-Chor der Oper über­zeug­ten von der ers­ten bis zur letz­ten Szene.

Inten­dant Lau­fen­berg war­tete einige Minu­ten, bis er mit sei­nem Team (Tobias Hoh­ei­sel, Bühne & Kos­tüme, Wolf­gang Göb­bel, Licht), auf die Bühne kam, wohl weil er Sän­gern und Orches­ter den Bei­fall gön­nen wollte, ehe er selbst viel­leicht den Unmut des Publi­kums abbe­käme, aber auch der Inten­dant wurde in den all­ge­mei­nen Jubel mit einbezogen.

Fazit: Ein sehr gelun­ge­ner Auf­takt einer neuen Spiel­zeit. Viel­leicht wird das ja noch was in Köln mit dem Ziel: Oper für alle!

(Kri­tik geschrie­ben für koeln.de)

Meistersinger in Köln: Oper in der Oper

Meis­ter­sin­ger in Köln: Oper in der Oper

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