Ein­mal Wag­ner bitte mit Würst­chen und Senf

Kri­tik der Pre­miere “Tris­tan und Isolde” in der Oper Köln am 22. März 2009,
geschrie­ben für koeln.de

Von EDGAR FRANZMANN

Wer sich auf eine Wagner-Oper ein­lässt, weiß, was er wagt: Unter fünf Stun­den geht es sel­ten ab. Die Köl­ner Pre­miere von “Tris­tan und Isolde” am Sonn­tag­abend war nach vier­drei­vier­tel Stun­den zu Ende — danach begann das Spek­ta­kel im Par­kett und auf den Rän­gen mit einem viel­stim­mi­gen Kon­zert aus Buh-Rufen und Beifall.

Der erste Buh-Ruf kam so punkt­ge­nau und so kraft­voll nach dem letz­ten Ton des drit­ten Aktes, dass man dahin­ter eine musi­ka­li­sche Fach­kraft ver­mu­ten durfte, die mit dem Gebo­te­nen nicht zufrie­den war. Wagner-Opern sind ja unter ande­rem auch dadurch gekenn­zeich­net, dass das Publi­kum aus Exper­ten und Jün­gern besteht, die Auf­füh­run­gen ihres Lieb­lings­kom­po­nis­ten auf allen Kon­ti­nen­ten begut­ach­ten, und vor allem natür­lich in Bay­reuth, dem Tem­pel der Wag­ne­ria­ner. Da kann Köln nicht mit.

Ein Ken­ner, von dem ich weiß, dass er Musik stu­diert hat, erläu­terte mir, dass es Wagner-Sänger und Sän­ge­rin­nen gebe, die drei bis vier Klas­sen höher anzu­sie­deln seien als die Köl­ner Prot­ago­nis­ten Anna­lena Pers­son (Isolde) und Richard Decker (Tris­tan). Die bei­den wur­den am Ende böse aus­ge­buht. Das tat sogar mei­nem stu­dier­ten Ken­ner leid. Mein Urteil fiel ohne­hin bes­ser aus, und ich war nicht der ein­zige, der klatschte. Unge­teil­ten Bei­fall beka­men aber nur Samuel Youn (Kur­wenal) und Alfred Rei­ter (König Marke).

Die hef­tige Reak­tion des Publi­kums beweist aber auch, dass die Auf­füh­rung nicht ermü­dend war. Die Einschlaf-Quote blieb gering, da habe ich mal bei einer Robert-Wilson-Inszenierung in Ham­burg viel mehr Geschnar­che erlebt. Die Köl­ner Insze­nie­rung von David Punt­ney, Inten­dant der erfolg­rei­chen Bre­gen­zer Fest­spiele, ent­ließ die Besu­cher, die bis zum Schluss blie­ben, hör­bar mun­ter nach Hause.

Ein Vater in der Reihe hin­ter mir hatte sei­nen 11-jährigen Sohn mit­ge­bracht. “Als Beloh­nung oder als Strafe?”, fragte ich. Der Vater nahm die Frage mit Humor. Sein Sohn singe sel­ber im Köl­ner Dom­chor und habe schon einige Opern-Erfahrung. Eigent­lich woll­ten sie sich in Bonn Mozarts “Ent­füh­rung aus dem Serail” anse­hen, weil der Junge das gerade in der Schule durch­nehme. Das habe aus Ter­min­grün­den nicht geklappt, da sei man auf den Wag­ner ausgewichen.

Der Junge stand den Opern-Marathon locker durch. Der zweite Akt habe ihm am bes­ten gefal­len. Das kann man nach­voll­zie­hen, denn im zwei­ten Akt ging es so rich­tig rund. Auf der Bühne (Büh­nen­bild: Robert Israel) sta­pel­ten sich über­for­ma­tige Klötze, Plat­ten und Lat­ten, die wie ein Holz­spiel­kas­ten wild durch­ein­an­der gekippt waren, aber dadurch, dass sie auf der Dreh­bühne lang­sam rotier­ten, bestän­dig neue Ein­drü­cke und über­ra­schende Ein­bli­cke boten, was durch den bun­ten Licht-Einsatz (Licht: Hans Toels­tede) noch ver­stärkt wurde.

Die ande­ren Bil­der mal­ten eher Grau in Grau. der erste Akt spielt auf einem Schiff auf hoher See, der dritte Akt auf einem Fried­hof, wobei Tris­tans Sarg pas­sen­der­weise auch wie­der Schiffs­form zeigt.

Worum geht es in dem Stück? Ich mache es mir ein­fach und zitiere den Inhalt aus dem Pro­gramm­heft. Unge­kürzt. Da heißt es:

1. Auf­zug — Isolde wird von Tris­tan für König Marke von Irland nach Korn­wall gebracht. Isolde will mit Tris­tan den Tod trin­ken. Tris­tan will mit Isolde den Tod trin­ken. Isol­des Ver­traute Bran­gäne ver­tauscht Todes– und Liebestrank.

2. Auf­zug — Isolde erwar­tet Tris­tan. Bran­gäne warnt ver­ge­bens. Tris­tan und Isolde ver­ges­sen die Welt. Melot ver­rät sie. Sie wer­den von König Marke ent­deckt. Tris­tan stürzt in Melots Schwert.

3. Auf­zug — Tris­tan erwar­tet den Tod. Sein Ver­trau­ter Kur­wenal hat nach Isolde geschickt. Tris­tan stirbt mit Isol­des Ankunft. Bran­gäne, Marke und Melot tau­chen auf. Kur­wenal tötet Melot und kommt selbst ums Leben. Isolde entrückt.”

Diese “Hand­lung” auf vier­drei­vier­tel Stun­den — ohne Wag­ners Musik wäre das sicher nicht aus­zu­hal­ten. Die ist beim Gürzenich-Orchester unter der Lei­tung von Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor Mar­kus Stenz gut aufgehoben.

Und wie ist jetzt die Emp­feh­lung des Kri­ti­kers, hin­ge­hen oder nicht hin­ge­hen? Mich selbst hat es nicht wirk­lich mit­ge­ris­sen. Wag­ner ist nicht meine Musik. Andere gera­ten bei Wag­ner ins Schwär­men. Geschmack­sa­che eben.

A pro­pos Geschmack: Zum Schluss noch eine kuli­na­ri­sche Über­ra­schung — in den bei­den groß­zü­gig bemes­se­nen Pau­sen gab es nicht nur den Opern-typischen Sekt und die unver­meid­li­chen Event-Brezeln, son­dern auch ganz rus­ti­kale Würst­chen und Fri­ka­del­len zu akzep­ta­blen Prei­sen von jeweils 3,50 Euro.

Wag­ner mit Würst­chen und Senf. Gibt es auch nicht alle Tage. Am bes­ten ist es, Sie kom­men selbst auf den Geschmack.

Tris­tan und Isolde
von Richard Wag­ner
Pre­miere am 22. März 2000, 16.00 — 20.45 Uhr

Musi­ka­li­sche Lei­tung: Mar­kus Stenz; Insze­nie­rung: David Pount­ney; Büh­nen­bild: Robert Israel; Kos­tüme: Marie-Jeanne Lecca, Dra­ma­tur­gie: Oli­ver Bin­der; Licht: Hans Toels­tede; Chor: And­rew Olli­vant; Gürzenich-Orchester Köln, Her­ren­chor der Oper Köln;

Isolde: Anna­lena Pers­son; Bran­gäne: Dalia Scha­ech­ter; Tris­tan: Richard Decker; König Marke: Alfred Rei­ter; Kur­wenal: Samuel Youn; Melot: Ger­ardo Gar­cia­cano; Ein Hirt: Johan­nes Preiß­in­ger; Ein Steu­er­mann: Jong Min Lim; Ein jun­ger See­mann: Jeongki Cho.

Wei­tere Vor­stel­lun­gen am: 27. März; 03., 11., 23., 26. April; 03., 08., 21., 24. Mai 2009

Wei­tere Infos zum Stück auf der Web­site der Oper Köln.

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