Wild­schütz” zu frech für Köl­ner Operngänger?

Kri­tik zur Köl­ner Pre­miere am 23.2.2009, ver­öf­fent­licht am 24.2. 2009 auf koeln.de

Von EDGAR FRANZ­MANN
Mit sei­ner komi­schen Oper “Wild­schütz” (1842) zielte Albert Lort­zing gegen Moral und Dop­pel­mo­ral sei­ner Zeit. 168 Jahre spä­ter kam das Werk in Köln mal wie­der auf den Spiel­plan. Die Pre­mie­ren­be­su­cher rea­gier­ten ver­stört bis begeis­tert. Hat der aktua­li­sierte “Wild­schütz” dane­ben oder viel­leicht zu gut getroffen?

Der Autor die­ser Kri­tik ist vor­ein­ge­nom­men. Er hat als 10-jähriger in Kre­feld und Mön­chen­glad­bach selbst im “Wild­schütz” auf der Bühne gestan­den, als jüngs­tes Mit­glied des Kin­der­chors im letz­ten Akt. “O du, der du die Tugend sel­ber bist” san­gen wir den Gra­fen an, der sich zuvor als alles andere als ein Tugend­bold erwie­sen hatte.

Ich war hin­ge­ris­sen von der Musik und bin es heute noch. Und ich war hin­ge­ris­sen von den Sän­ge­rin­nen, die mich Knirps an ihren Busen drück­ten. Die Grä­fin wollte mir sogar noch erklä­ren, was das “ius pri­mae noc­tis” war, das Recht des Her­ren, bei der Hei­rat von Per­so­nen, die sei­ner Herr­schaft unter­ste­hen, die erste Nacht mit der Braut ver­brin­gen zu dür­fen. Damals habe ich diese extreme Form von Gewalt und Ver­ge­wal­ti­gung nicht ver­stan­den. Die Auf­füh­rung in Kre­feld und Mön­chen­glad­bach war so hei­ter und alter­tüm­lich, sie blieb wohl­ge­fäl­lig an der Ober­flä­che — und allen gefiel es.

"Wildschütz" in KölnSpä­ter wurde mir der Kern des Stü­ckes klar: Alles ist käuf­lich, sogar die Liebe. Und wer nicht nur Geld hat, son­dern Macht, der kann sich alles neh­men, auch ohne zu bezahlen.

Lort­zing demons­triert das am Bei­spiel des Schul­meis­ters Bacu­lus, der bereit ist, seine Braut für 5000 Taler an den Baron zu ver­scha­chern und selbst zum Kapi­ta­lis­ten zu wer­den. Und der Graf nutzt der­weil wohl­ge­launt sein “ius pri­mae noctis”.

Nigel Lowery gelingt es in sei­ner Insze­nie­rung, den Kern des Stü­ckes zu visua­li­sie­ren. Wer sind heute die All­mäch­ti­gen? Graf und Baron kön­nen es ja wohl nicht mehr sein. Also erschei­nen Bil­der tota­li­tä­rer Dik­ta­tu­ren, das Fern­se­hen bekommt seine Rolle, Formel-1-Stars und Rock­sän­ger wer­den ange­him­melt wie einst die mäch­ti­gen Fürs­ten. Und am Ende regiert das Geld die Welt. Alles ist käuflich.

Ein­drucks­voll, wie der Graf in der Rolle eines ver­göt­ter­ten Rock­stars mit sei­nen Grou­pies das “ius pri­mae noc­tis” wahr­nimmt, dezent, nicht sicht­bar im Hin­ter­grund, und doch wird über­deut­lich, dass es sich um eine Ver­ge­wal­ti­gung handelt.

Die Auf­füh­rung hat wei­tere starke Sze­nen, ist durch­ge­hend unter­halt­sam und durch­aus nicht vor­der­grün­dig beleh­rend. Aber sie erlaubt es dem Publi­kum auch nicht, sich alleine den schö­nen Melo­dien hin­zu­ge­ben. Das gefällt nicht jedem. Schon zur Pause ver­lässt ein Drit­tel des Publi­kums die Oper, nach der Auf­füh­rung bekom­men die Sän­ger und das Gürzenich-Orchester ver­dien­ten Bei­fall, beim Auf­tritt des Regis­seurs über­wie­gen die Buh-Rufe die ver­ein­zel­ten “Bravos”.

Das Stück ist eine Pro­duk­tion der Staats­oper Stutt­gart aus dem Jahre 2005.Die Neue Zür­cher Zei­tung schrieb von einem „vir­tuo­sen Balan­ce­akt zwi­schen den Ebe­nen schie­rer Spiel­lust und poli­ti­schen Hin­ter­sinns“ und die Süd­deut­sche Zei­tung ver­merkte begeis­tert: „Viel­leicht muss man, wie der in Lon­don gebo­rene Nigel Lowery, aus der sprich­wört­li­chen Hei­mat des schwar­zen Humors stam­men, um das sati­ri­sche Moment von Lort­zings Opern mit fri­scher Fan­ta­sie zur Gel­tung brin­gen zu können.“

Stück­brief:

Der Wild­schütz oder die Stimme der Natur,
Komi­sche Oper in drei Akten,
Text vom Kom­po­nis­ten nach dem Lust­spiel “Der Reh­bock oder Die schuld­los Schuld­be­wuss­ten” von August Fried­rich Fer­di­nand von Kotzebue

Musi­ka­li­sche Lei­tung: Enrico Dovico, Insze­nie­rung und Bühne: Nigel Lowery, Sze­ni­sche Ein­stu­die­rung: Michaela Dicu, Kos­tüme: David König, Licht: Lothar Baum­garte, Chor: Irina Benkowski,

Bese­tung: Graf von Eber­bach: Milenko Turk, Die Grä­fin: Viola Zim­mer­mann, Baron Kron­thal: Hauke Möl­ler, Baro­nin Frei­mann: Katha­rina Leyhe, Nenette: Hanna Larissa Nau­joks, Bacu­lus: Wil­fied Sta­ber, Gret­chen: Clau­dia Rohr­bach, Pan­kra­tius: Jochen Lang­ner, Ein Gast: Nam_uk Baik;

Gürzenich-Orchester Köln, Chor der Oper Köln, Mäd­chen und Kna­ben der Vhöre am Köl­ner Fom, Ein­stu­die­rung: Eber­hard Met­ter­nich, Oli­ver Sper­ling; Sta­tis­te­rie der Büh­nen Köln.

( Wei­tere Ter­mine: 12./26. Februar — Rund­funk­aus­strah­lun­gen am 7. 2. um 19.05 Uhr in Deutsch­land­ra­dio Kul­tur und am 15.2. um 20.05 Uhr auf WDR 3)

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